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1840—1850.
der seine Paßvisitationen und die 1988 Heimatsscheine von 1874mit derselben behaglichen Liebhaberei fertigstellte wie einst die ge-malten und gedichteten Traumgespiuste uud selbst völlig gleich-gültige Mitteilungen, die er bloß von Zimmer zn Zimmer schickte,gern „fertig machte", indem er sie in einen Briefumschlag schloß.Das Gefühl, gelandet zu sein nach romantischer, aber auch kummer-voller Odyssee, schützte ihn vor der Vergrämung, die Grillparzerbei viel leichterer Berufsarbeit überfiel. Manche Aufgabe lag auchganz in feiner Neigung, so die Abfassung der Bettagsmandate;Bächtold hat eins mitgeteilt — Wohl den formvollendetstem Hirten-brief, den ein deutscher Bolkspädagog je geschrieben hat, und vollgoldener Weisheit.
Und vor allem: er diente seinem Vaterlande gern. Er warein leidenschaftlicher Patriot. In litterarischer Hinsicht hat erimmer für die Einheit der deutschen Litteratur gefochten, deu un-möglichen und verderblichen Gedanken einer „schweizerischen National-litteratur" höchst energisch abgewehrt; und wenn er (1852) Er-zählungen von Jeremias Gotthelf dramatisieren wollte, nahm er sichgleich vor, „das Provinzielle und Lokale in allgemeine Poesie auf-zulösen". Aber in politischer Hinsicht war er von der Notwendig-keit einer freien Schweiz innigst überzeugt, und jede Wasfeuübungdaheim — wie Jordan und Freytag, wie Jhering und Foutauewar der kleine Mann mit den zu kurzen Beinen ein begeisterterSoldatenfreund — erfüllte ihn neu mit dem Bewußtsein, seinVaterland habe noch das volle Recht des Sonderdaseins. Als beieinem beklagenswerten Konflikt einige deutsche Zeitungen alberner-weise mit der „Teilung der Schweiz " drohten, erklärte Keller inhöchster Aufregung, er werde sich mit seiner alten Pistole eineKugel vor den Kopf schießen, wenn es dahin käme. Ein ungesunderKosmopolitismus lag dem Echtbäuerlichen in Kellers Wesen so fern,wie ein lebendiges Weltbürgertum in rein geistigem Sinne seinemPantheismus fast selbstverständlich war. Das Jahr 1870 fand ihnnatürlich auf der Seite Deutschlands , und die traurigen Vorfälle,die der Radikalismus damals in Zürich hervorrief, werden durchseine Stellung wie die C. F. Meyers genügend und reichlich auf-gewogen.
Endlich zog es ihu doch wieder zum otium enra cliAnitg.ts. Am8. Juli 1876 hieß es im Protokoll des Negierungsrates: „Nach-dem H. Staatsschreiber Dr. Gottfried Keller sein letztes Protokoll