Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
417
Einzelbild herunterladen
 

Gottfried Kellers Alter,

417

verlesen, werden ihm namens des Regierungsrates seine fünfzehn-jährigen Dienste vom Präsidium warm verdankt". DerDr." warein Ehrengeschenk der Züricher Hochschule; ebenso hat Berlin späterFontane geehrt.Dann kanfte sich der Herr Alt-Staatsschreibereinen staatsmäßigen Schlafrock und begab sich unverweilt an dieAusführung alter dichterischer Vorsätze." DieSieben Legenden"(1872) und der zweite Teil derLeute von Seldywla" (1874)waren schon gegen Schluß seiner Amtsthätigkeit erschienen; nnnfolgten rasch dieZüricher Novellen " (1878), die Umarbeitung desGrünen Heinrich " (1879 1880), dasSinngedicht" (1881), dieAusgabe derGesammelten Gedichte" (1883), endlichMartinSalander " (1886). Dann überschlich langsam mit zähem SchrittKrankheit und Altersschwäche den Dichter, der in der zweiten Hälfteseines Lebens so unermüdlich gearbeitet, wie in der erstengebummelt"hatte. Alte und neue Freunde sorgten für den durch den Tod deralten Schwester ganz Vereinsamten die Mutter war drei Jahre,nachdem der Gottfried endlich so glänzend auf dem Amtssessel landete,gestorben. Da waren vor allem Arnold Böcklin und der trefflichenordische Dichterfreund Petersen, der auch Kellers Freundschaft mitStorm vermittelt hatte; jüngere Verehrer wie die LiterarhistorikerJakob Bächtold und Adolf Frey ; dazu Korrespondenten wie Freilig-rath, des prächtigen Mannes würdige Familie und (seit der Feiervon 1869) die Familie des Wiener Professors Exner, mit der erwohl die köstlichsten seiner unschätzbaren Episteln gewechselt hat.C. F. Meyer fand den Schwerkranken noch immer in dem altenSpinnen und Weben der Phantasie"; Frey schildert die Deut-lichkeit, mit der er noch die Traumerscheinung zweier ganz in Goldgehüllter Ritter beschrieb. Und sanft träumte sich am 15. Juli 1890der größte Dichter, den Deutschland seit Goethe besaß, in diestumme Unendlichkeit hinüber.

Der größte Dichter seit Goethe? Es hat nicht viel Zweck,über Superlative zu streiten. Ein anderer mag dem Lyriker Heinediesen Rang zusprechen, oder vielleicht dem Dramatiker Grillparzer oder Heinrich von Kleist ; unter den Epikern hat Keller seit demDichter desWerther" nicht seinesgleichen.

Was Keller selbst von dem großen Epiker forderte, hat seineglänzende Kritik Jeremias Gotthelfs (denn es ist nur eine Kritikin mehreren Ansätzen) gelehrt. Vor allem verlangt er,daß wiralles Sinnliche, Sicht- und Greifbare in vollkommen gesättigter Em-

Mcyer, Litteratur. 27