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1840-1850.
pfindung mitgenießen, ohne zwischen der registrierten Schilderung nndder Geschichte hin- nnd hergeschoben zu werden, d. h. daß die Er-scheinung und das Geschehende ineinander aufgehen". Dieses durch-greifende Kennzeichen des echten Epikers kann man bei Keller wiebei wenigen studieren. Er hat ja eine wahre Leidenschaft fürdas Beschreiben. Er sucht Gelegeuheiten auf, Dinge, die zurBeschreibung herausfordern. Feste sind ein Lieblingsgegenstandseiner Poesie, wie das Dürerfest und die ländlichen Ergötzungenim „Grünen Heinrich", das Waldfest in „Dietegen", die Feier, diedas „Verlorene Lachen" eröffnet, vor allem auch die der „SiebeuAufrechten". Und wer kann ein Fest ansehen, ohne es beschreibenzu wollen? Oder gar die kleinen Kuustwerke, auf die wir schonhinwiesen — wie gründlich wird der chinesische Tempel der ZüsBnnzlin beschrieben! Aber nun sehen wir stauuend, wie dieseBeschreibungen ein Glied der fortschreitenden epischen Handlungwerden, weil sie eben „in gesättigter Empfindung" mitgenossenwerden können. Jene Feste bilden den Hintergrund für die gehobeneExistenz Juftinens und Jucuudi oder bezeichnen den Höhepunkt desDaseins für die Aufrechten; der Papptempel veranschaulicht inrührender Weise die hingebende Passion des guten Emanuel, dieZüs in ihrer Herzlosigkeit ganz aufgezehrt hat. Sie sind so lebendig,sind so gut Zeugnisse eiuer alles mit gleicher Liebe hervortreibendenSchöpferkraft wie die Menschen selbst. Wir erinnern uns dann,wie gern auch das ewige Vorbild aller Epik, Homer, Festbeschreibungengiebt und bei Wettkämpfen oder Schmausereien jede Eigenart fest-lich zugerüstet hervortreten läßt; wie er den Schild des Achilleus beschreibt, oder Goethe in den „Wahlverwandtschaften " die Parkwege.Wir begreisen, daß Keller gegen seines hochverehrten „tapfernLessing"„Laokoon " eine Gegenschrift richten wollte. Man muß eben fest-halten, daß bei Kellers eigentümlicher Art jede Beschreibung eineNachschöpfung, eine Neuschöpfnng wnrde.
Das ist die größte und unentbehrlichste Gabe des Epikers: dieDinge uns anschaulich zu machen und zugleich interessaut. Diegenaue Beschreibung bei Zola läßt uns kühl, weil sie nichts istals die Wiedergabe eines beliebigen Gegenstandes; die temperament-vollen Schilderungen bei Brentano lassen uns die Dinge nicht sehen,weil er selbst sie nur unklar sieht. Keller kennt alle von innenaus, weil er sie geschaffen hat, weil er in dem Baum, den er be-schreibt, und in der Flinte und in dem Gotteshäuschen des Vitalis