Kellers epische Kunst.
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so zu sagen selber drin gesteckt hat. Und das Wunderbare ist nundie Gleichmäßigkeit, mit der er Großem und Kleinem seine Liebezuwendet — wie die Natur selbst. Es ist nicht eigentlich richtig,zu sagen, diese mit so viel Anteil beschriebenen Gegenstände seiensymbolisch. In gewissem Sinne sind sie es freilich, aber nicht mehr,als die Gestalten selbst auch. Äußerungen sind es alles einer un-erschöpfliche!? Schöpferkraft, die hervorbringen mnß, weil sie keineandere Existenz besitzt als in der Produktion selbst.
Und dies ist die zweite Gabe des echten Epikers: die Un-erschöpflichkeit. Wir fühlen, die Epen Homers konnten verdoppeltwerden — wenn noch Sänger da wären wie ihre Schöpfer;Ariosts Phantasie kennt keine Grenzen; und ein geringerer, aberechter Epiker wie Rosegger — wie viel Gestalten, wie viel drolligeSituationen, wie viel merkwürdige Redeu hat er der Welt geschenkt,die ohne ihn undenkbar wären und nun so notwendig sind wieNapoleon oder wie seine Ansprache vor den Pyramiden! Aberwer könnte sich mit Keller vergleichen! Von den Erfindungen, dieer verschwenderisch allein in dem dünnen Bändchen der „Legenden"ausstreut, könnte ein Dutzend Märchenerzähler und Kulturnovellistenbequem das Leben fristen. In dem „Grünen Heinrich " wird derFülle schier zu viel. Dies Jugendwerk ist ja doch in jedem Sinne„Wahrheit und Dichtung". Die kümmerliche Öde seiner freud-losen Jugeud, sagt Frey, habe er hier in einen herrlichen Wunder-garten nmgeschaffen. Das ist doch nicht ganz recht: der Wuuder-garten war eben die Freude auch der wirklich verlebten Jugend,nur daß er damals abseits vom Leben blühte; jetzt aber stellt derDichter ihn mitten hinein, so daß Erlebnis und Tranm, Erinnerungnnd Phantasie sich zu einer unvergleichlichen via triumxkalis ge-staltender Erzählungskunst zusammenfinden. Gleich reich, aber mitweiser Mäßigung zusammengehalten, fließt der Strom der Erfindungnoch in dem ersten Band der Seldwyler und in den Legenden.„Die drei gerechten Kammmacher", Kellers Lieblingsstück, sind alleinein Museum voll Kostbarkeiten, in dem der Jungfer Züs hoch-gelahrte Rede über die Tiere und das köstliche Abenteuer der blauübermalten Wanze gleich wunderbarlich glänzen. Und diese Gleich-nisse, die immer über die vorgeführte Welt, als sei es an ihrerFülle noch nicht genug, noch eine neue malen, wie ein altdeutscherMaler auf deu Deckel eines Neliqnienkäftchens, den sein Heiligerin der Legende trägt, eine neue Legende zeichnet! „Schon als die
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