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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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420
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420 18401850.

beiden andern ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich derSchwabe als vollkommen ebenbürtig und lag wie ein Schwefel-holz so strack und ruhig, so daß immer noch ein bißchen Raumzwischen den Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie einPapier auf drei Heringen." Und diese beiden fabelhaft anschau-lichen Gleichnisse steigen dabei so organisch aus der Atmosphäre derdrei armen Teufel hervor! Oder in denLegenden" welcheErfindungen von dem grotesken RitterMaus der Zahllose", dersich die aus seinen Nasenlöchern hervorstehenden Haare etwa sechsZoll lang hat wachsen lassen und in zwei Zöpfchen flechten ließ,die an den Enden mit zierlichen roten Bandschleifen geschmücktwaren bis zu der von Wilhelm Scherer nach Verdienst gepriesenengroßartig-symbolischen Scene, wo die neun Mnsen im christlichenHimmel ihr Lied anstimmen, das hier so sehnsnchtsschwer undklagend klingt, daß Heilige und Propheten, von Erdenleid und Heim-weh ergriffen, in unendliches Weinen ausbrechen!

Nach dem überreichen Sommer in Berlin ist dann eine gleichüppige Ernte der epischen Erfindung nicht wieder reif geworden; amflüssigsten strömen die Einfälle noch im zweiten Teil der Seldwylerund dann wieder imSinngedicht". ImSalander" ist die Er-findungsgabe ermattet; auch das, neben der realistischen Darstellung,mag dazn beigetragen haben, daß Keller selbst das Buch verwarf:Esist nicht fchön! es ist nicht schön! Es ist zu wenig Poesie darin!"Aber bei den älteren Dichtungen hat man den Eindruck, als ob alles,was uns geschenkt wird, doch nur eine volle Bescherung abge-schnittener Weintrauben von einem unerschöpflichen Weinberg seien.So empfand er auch selbst; so sprach er von den unablässig ihmaufstoßenden Schnurren", die ihn aber belustigten, während denarmen Otto Ludwig , der die seinen nicht beherrschen konnte, dienärrischen Possen" eher plagteu. Es ist bei Keller auch kein Stell-chen so klein, daß sich ihm nicht neue Lebenskeime entringen. Spiegeldas Kätzchen soll eine Erfahrung machen, die es von dem gedanken-losen Freßleben bekehrt. Ein anderer Poet Hütte etwa erzählt:EinesTages fand er einen Krametsvogel, der an seinem Fraß ersticktwar". Bei Keller wird das gleich wieder eine kleine bunte Schilde-rung:Als er den Krametsvogel nachdenklich zerlegte, fand erdessen kleinen Magen ganz kugelrund angefüllt mit frischer unvcr-zehrter Speise. Grüne Kräutchen, artig zusammengerollt, schwarzeund weiße Samenkörner und eine glänzendrote Beere waren da so