Kellers epische Kunst.
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niedlich und dicht ineinandergepfropft, als ob ein Mütterchen fürihren Sohn das Ränzchen zur Reise gepackt hätte." Wie diesBild gleich wieder neue Vorstellungen erweckt! Gleich denken .wiran die Vogelmutter, die nun ihr totes Kind vermißt. So kann ersich gar nicht genug thnn; wie bezeichnend sind die roten Vand-schleifchen an dem Nasenbart! Ob sie einen litterarischen Ursprunghaben — sie haben ihn vielleicht, und einen sehr bösen, bei demfranzösischen Ehrenschalk Brantome —, ob sie rein erdichtet sind,was ändert das? Plagiiert die Natur, wenn sie ein Samenkornaufgehen läßt, das ein Vogel von weither getragen hat?
Die dritte große Gabe eines echten Epikers ist die Kunst, seinenSchöpfungen bei aller Mannigfaltigkeit eine innere Einheit zu leihen.Daran fehlte es z. B. bei dem erfindungsreichsten Romantiker, beiBrentano . Burleske uud ironische Einfälle, tiefe und feierlicheGedanken werden etwa in der Erzählung von Gockel, Hinkel undGackelcia so uah gepflanzt, daß wir den Eindruck der Notwendigkeitverlieren. Wir wissen alle: nnr im Paradisgarten stehen Fichten-baum und Palme nebeneinander; kein Klima zeitigt beide. Darinliegt E. Th. A. Hoffmanns Kraft, daß er das Groteske und dasErnste, das ganz Singnläre mit dem Symbolischen zu einem eigenenStil zu verbinden weiß, die bei Tieck, bei Brentano und anderenunverbnnden nebeneinander stehen. Bei Keller ist der starke ein-heitliche Stil nirgends zn verkennen. Am glorreichsten ist er freilichin der wunderbaren Zauberwett der „Sieben Legenden" durchge-führt; aber auch in Seldwyla hier, in Zürich dort — wie ist allesans einen Grundton abgestimmt! Die spielerische Zwecklosigkeit derSeldwyler, bei denen der krauseste Kopf am besten gedeiht; dieehrenfeste Solidität des alten Zürich (in den „Züricher Novellen "),vor der alles Unechte abfällt, Buz Falätscher, der den geistlichenund weltlichen Helden, Herr Jacqnes, der das Original oder seinenPatron spielen will; der Kampf zwischen beiden Arten, zwischenEhrensestigkeit und Schcinglanz, im neuen Zürich (im „Salander") —er durchdringt als feiner Äther alle Zwischenräume und läßt keinenleeren Raum. Die Gespräche wie die Erzählungen im „Sinn-gedicht" haben einen direkt lehrhaften Ton, wie er dem reisendenForscher am besten bekommt, ein langsameres Tempo; die Experi-mente wiederholen sich, Gegenstücke werden aufgestellt („Regine"und „die arme Baronin"), während im „Grünen Heinrich " allesin jugendlich unbesorgtem Leichtsinn durcheinanderfliegt: