422 1840—1850.
Ein schrankenloser Leichtsinn soll
In diesem Streit mein Schildknapp' sein , , ,
Ich lieb' es, so mir halb bemüht
Am offnen Abgrund hinzustreifen,
Und über mir lass' ich mit Lust
Das Aug' ins grundlos Blaue greifen.„Man liest und liest und liest sich hinein", sagt Scherer vondem Jugendroman, „und wird gefangen von der seltsamen Welt undist voll Bedenken und selbst Widerstreben und liest doch weiter undkann nicht aufhören, etwa wie mau vor einem vielfächerigen altenSchubkasten voll vergilbter Papiere und halbvermoderter Briefeund Stammbücher und intimer Aufzeichnungen gewöhnlicher undungewöhnlicher Meuschen sitzt und wühlt und wühlt und eine ganzeversunkene Gemütswelt nach und nach vor sich aufsteigen läßt."Das ist der Stil des „Grünen Heinrich ": eine liebenswürdige, be-zaubernde Unordnung, wie sie in dem Schrank eines vielseitig an-geregten Künstlers herrschen wird. Und so hat auch jedes dergrößeren Gedichte von epischer Färbung seinen eigenen Grundton:der mild-trotzige des „Has von Überlingen" kontrastiert mit demkindlich-unbefangenen des „Narren von Zimmern" oder dem genialenÜbermut des „Apothekers von Chamounix".
Wieder aber erwächst die Eigenart jedes einzelnen Werkesorganisch aus der gemeinsamen Grundlage einer durchgehendenStileinheit. Die Unordnung des „Grünen Heinrich " und die Regel-mäßigkeit des „Salander", die Ironie der „Lente von Seldwyla"und der Ernst von „Ursula" sind nur Momente ein und desselbenMenschenlebens. Was Herder und Goethe und Otto Ludwig vorallem an Shakespeare bewunderten, das bestaunen wir auch beidem, den Heyse den Shakespeare der Novelle genannt hat: die Ein-heitlichkeit eines großen durchgehenden Stils, der für die wechseln-den Eigentönungen zahlreicher Werke die gemeinsame Grundfarbebildet.
Kellers Stil zeigt sich zunächst in der Sprache. Sie ist überallkräftig, überall originell. Sie ist keineswegs immer korrekt; Fehlerdes Autodidakten begegnen so gut wie bei Chamisso oder Kleist.In der Stelle aus den „Kammmachern", die wir vorhin citierthaben, schreibt Keller, „daß immer noch ein bißchen Raum zwischenjedem der Gesellen blieb", und ähnliche Verstöße gegen Logik undSprachgebrauch sind leicht aufzusammeln. Was thut's? Wer möchtediese iu unablässig frischem Strom voll Waldgeruch dahinfließende