Kellers Sprache. 423
Sprache für die pedantische Genauigkeit eines Stifter hingeben?Kellers Wortbildungen sind mit Recht berühmt; immer springensie aus der Situation hervor, während Johannes Scherr die imHinterzimmer der Werkstatt gefertigten von Zeit zu Zeit wiePapierblumen an den Kuchen steckt. Worte wie „Haidelführer",„Fraueuwähler", „das aufwärts gehörnte Schnurrbürtchen", diesich iu den Romanen finden, begegnen in überquellender Fülle vorallem bei dem bequemen Gehenlassen der Briefe; daneben Sim-plicia aus dem dialektischen Gebrauch wie „änfnen". Die Epitheta ,deren Pflege in der deutschen Litteratur eigentlich erst mit Heinebeginnt — noch Goethe zog typische Beiwörter den individuali-sierenden vor —, sind von der gesuchten Paradoxie der Jung-deutschen hinweg zn lebendiger Anschaulichkeit entwickelt: „ein kleinesBuch voll hölzerner, blutloser Fragen und Antworten"; „ein schüch-ternes Zeichen der Hansglocke"; auch die Beiwörter werden gernerneut: „das ziervolle Geschöpf". Sehr beliebt sind die ironischenDiminutiva wie „Ungeheuerchen", „Greislein", „Jührchen", gerndurch wohlwollende Epitheta verstärkt: „ich vermißte die gutenWeinrestchen meines früheren Standes"; „das küßliche Breit-mänlchen"; „ein wackeres Kätzlein"; oder wieder mit selteneremBeiwort: „ein zieres Weiblein". Man spürt hier die ganzeLiebhaberei, mit der der Schöpfer feine zierlichen Geschöpfchenstreichelt, und zugleich doch die Überlegenheit, die das Einzelne ebennur als ein kleines Einzelstückchen bewertet. Eine charakteristischeStilprobe ans den „Legenden" zeigt diese „mit Empfindung gesättigte"Eigenart in voller Blüte: „Denn was den Prediger betrifft, so ister schon da, er steht vor dir, du schwarzäugiges Hölleubrätchen!Und das Kloster ist dir auch schou hergerichtet wie eine Maus-salle, nur daß man ungesündigt hineinspaziert, verstanden? Unge-sündigt bis auf den sauberen Vorsatz, der indessen einen erkleck-lichen Reuekuochen für dein ganzes Leben abgeben und nützlich seinmag; denn sonst wärst dn kleine Hexe auch gar zu possierlich undscherzhaft für eine rechte Büßerin!" Das „schwarzäugige Höllen-brätcheu" giebt den Grundaeeord an für die Melodie, mit der derPrediger seine bildhübsche Sünderin fangen will: das Behagen andem reizenden Fang mischt sich mit der wohlwollenden Superioritätdes Bußmeisters über die thörichte Jungfrau. — Doch ist uicht zuleugnen, daß gerade die Liebhaberei für die Verkleinerungsformen,so gut sie psychologisch begründet ist, der Sprache Kellers hin und