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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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wieder etwas Manieriertes zu geben scheint; um so mehr, als dieironischen Diminutiva damals überhaupt Mode waren: Jordanspricht etwa von denGefühlchen" der Lyriker, andere von Revo-lutiönchen oder Thrönchen. Keller selbst hat das in dem kleinenGedichtDie Aufgeregten" mitgemacht. Bei ihm ist aber sonst wiederdie volkstümliche Grundlage heranzuziehen: die Rede des Volkesliebt diese Formen, besonders auch die behaglich streichelnde Ver-kleinerung hochgehaltener Dinge:ein Sümmchen",ein Weinchen",ein hübsches Postchen". Speciell schweizerisch sind auch die Kose-formen mitMann":ein gedankenreicher Katzenmanu",der kinder-frohe Schweizermann"; manchmal, in den Gedichten, stehen sie auchnur zur Erleichterung des Reims :ein perlbesäter Hindumann",ein Schattenmann".

Höchst charakteristisch verbindet sich nun mit diesem individuell-volkstümlichen Wortgebrauch ein an Goethe geschulter Satzbau.Kellers Sätze sind fast stets übersichtlich in zwei Hälften geteilt, diesich akustisch genau das Gleichgewicht halten:Wenn Johannes einSchneider hätte werden wollen, so wäre er jetzt wenigstens imBesitz einer Nadelbüchse gewesen; sonst verspürte er keinen weiterenNutzen noch Fortschritt seiner Minnesacheu seit dem glückseligenJagdvergnügen." In älterer Zeit kommen wohl noch künstlicheSatzgebilde vor, die an die labyrinthischen Gänge des Papp-tempelchens der Jungfer Züs erinnern:

Auf diesen folgte ein stattlicher Mann in Uniform: dieser blickte ruhig,fast schwermütig, aber doch mit mitleidigem Spotte drein, und endlich schloßden Halbkreis, dem Jüngling gegenüber, ein Abbe in seidener Sontane,welcher, wie eben erst aufmerksam gemacht, einen forschenden, stechendenBlick auf den Beschauer richtete, während er eine Prise zur Nase führteund in diesem Geschäft einen Augenblick anhielt, so sehr schien ihn dieLächerlichkeit, Hohlheit oder Nnlautcrkeit des Beschauers zu frappieren undzu heillosen Witzen aufzufordern.

Später, vor allem imSalander", sind die Sätze fast durchwegkurz und einfach, ohne die alte Zweiteiligkeit aufzugeben.

Das Hauptkennzeichen des Kellerschen Stils aber ist jenerunerschöpfliche Bilderreichtun?, dem Vergleich und Metapher nichtgesuchter Schmuck, sondern notwendiger gesteigerter Ausdruck siud.Man kann, um ein Bild des hierin Keller nahekommenden Lessing(dem schon deshalb niemand den Dichternamen absprechen darf) zugebrauchen, kaum eine Nadelspitze in seine Bücher setzen, ohne herr-liche, neue und doch sofort uns vertraute bildliche Ausdrücke zu