Kellers Stil.
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treffen. Hier nur ein paar schöne Beispiele: „Indem ich sie sogewaltsam an mich gedrückt und geküßt und sie in der Verwirrungdies erwidert, hatten wir den Becher unserer unschuldigen Lust zusehr geneigt; sein Trank überschüttete uns mit plötzlicher Kälte . . "Wird hier die Metapher von dem „Becher der unschuldigen Lust"nicht zum greisbaren Bild? wie jene Umarmung das Glas zumÜberfließen bringt und nuu gerade die unschuldige Kühle die jungenHerzen erschauern läßt? Wie oft sind schon die Baumwipfel einesWaldes mit einem Zeltdach verglichen worden! aber wie neu wirdder Vergleich, wenn Keller von einem Gehölz junger Birken sagt:„Wie ein leichtes grünes Seidenzelt schwebte die zarte Belaubungin der Höhe, von den schlanken Silberstangen emporgehalten."Das wirkt so neu, weil das zarte Buchenlaub, die gläuzendenBuchenstämme das Bild anschaulich individualisieren. Keller kannkeine Bibliothek beschreiben, ohne die Bücher nach ihrer Art zumalen: „Arm in Arm rauschten und knisterten die Frau v. Sevigneund der jüngere Plinius einher, hinterdrein wanderten die armenSchweizerburschen Thomas Platter und Ulrich Bräcker, der armeMann im Toggenburg, der eiserue Gvtz schritt klirrend vorüber,mit stillem Geisterschritt kam Dante , sein Buch vom nenen Lebenin der Hand. Aber in den Aufzeichnungen des lutherischen Theo-logen und Gottesmannes Johann Valentin Andreä ranchte undschwelte der dreißigjährige Krieg."
Wie diese Verbildlichung für den Dichter, ist die Vorliebe fürgnomische Schlußsätzchen für den Pädagogen bezeichnend. Fontane,der die psychologischen Gnomen noch viel mehr liebt, schiebt siegewöhnlich in den Satz mitten hinein: „Der Gärtner, ein Muffel,wie die meisten seines Zeichens —". Denn er will nicht belehren,sondern nur nebenbei aufmerksam machen; Keller will belehren.Deshalb schließt er gern einen großen Absatz mit einem solchen„denn" oder „so": „So ist jedes Unwesen noch mit einem goldenenBändchen an die Menschlichkeit gebunden." „Eine rüstig Streit-bare würde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Thungereizt haben; gegen die anmutige Schwäche der zarten Frau aberbenahm er sich wie die wahre Stärke; er hütete sie wie seinenAugapfel, that, was ihr Freude gewährte, und blieb nach vollbrachtemTagewerk ruhig an seinem Herde."
Ruhig in gesättigter Kraft schreitet die Rede vorwärts. Nie-mals unterstreicht der Dichter; die Geschmacklosigkeit, durch Sperr-