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1840—18S0.
schrift hervorzuheben — die sich die als Muster der Technik ge-priesenen Brüder Goncourt alle Augenblicke gestatten —, hat ersich nach einigen politisch oder didaktisch aufgeregten Stellen derersten Gedichtsammlung wohl nicht wieder zu Schulden kommenlassen. Vorsichtig und mit Diskretion wird wiederholt; das Schelt-wort, durch das Justine Jucundus von sich jagt, wird erst ver-schwiegen und ausgesprochen erst, als es gesühnt ist, weil es sonstzu schwer wirken könnte. So fest hat der Dichter bei aller schein-baren Lässigkeit der Anordnung den Faden in der Hand. Undkunstvoll wie der Helmschmuck auf dem Wappen wird zuletzt einwirkungsvoller Schlußsatz an das Ende jeder Novelle gesetzt. Feier-lich lobend tönt die Erzählung von Frau Regel Amrain aus: „Sieselbst streckte sich, als sie starb, im Tode noch stolz aus, und nochnie ward ein so langer Frauensarg in die Kirche getragen und dereine so edle Leiche barg zu Seldwyla ". Kurze ironische Nachhiebebeenden die beiden humoristischen Meisterstücke „Kleider machenLeute" nnd „Der Schmied seines Glückes " — dies wohl die glän-zendste Humoreske unserer Litteratur, deren sich Boccaccio so wenigzu schämen brauchte wie Ariost des „Apothekers von Chamonnix".Die Unholde der „Mißbrauchten Liebesbriefe " werden mit einemletzten Schub von der Tafel gewischt; ein wirksames Bild schließtdas köstlich satirische Genrebild „Die Berlocken" ab. So hebtjedesmal der Ausgang den specifischen Charakter der einzelnen Ge-schichte noch einmal wirkungsvoll hervor. Der Eingang ist dagegenmeist schlicht, chronikartig: eine kurze Datierung, eine etwas aus-führlichere Ortsangabe, im zweiten Teil der „Seldwyler " etwaseinförmig mehrmals der Name der Hanptfigur lenken kurz undbestimmt auf die Hauptsache hin. Die Gliederung der Einzel-geschichten ist klar und übersichtlich, ohue steif zu sein, und imallgemeinen merkt man schon nach wenigen Sätzen, ob sie einfachoder verwickelt, vielteilig oder aus einem Stück sein wird.
Mit den Mitteln dieser individuell geborenen und eigenartigdurchgearbeiteten Sprache nun baut sich Gottfried Keller seine dichte-rische Welt auf. Uud wieder hat seine Welt ihr individuelles Ge-präge. Auch das hebt er in jener überaus reichhaltigen WürdigungJeremias Gotthelfs hervor, wie gewisse große epische Züge undMomente bei dem echten Epiker regelmäßig wiederkehren als dieperiodischen Sonnenauf- und -Untergänge seiner Welt; dahin rechneter „die behagliche Anschaulichkeit des Besitzes" und jene „Höhe-