KellerS poetische Welt,
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punkte in seinen Geschichten, welche immer wiederkehren nnd immerso neu und schön sind: nämlich jene schweren oder srohen Gänge,welche seine Männer und Frauen thun in das Land hinaus, wennsie bei Blntsfreunden oder Freunden und Getreuen Rat, Hilse inder Not oder Teilnahme an ihrem Wohle suchen". Jede natur-wüchsige Epik hat solche feste Züge; dahin gehört in der alt-germanischen Poesie die Berufung von Ratsversammluugen, indem alten englischen Roman die Schuldhaft, im französischen dasDuell, und bei Fontane die Landpartie. Bei Keller sind sie reichvertreten. Dazu rechnen wir zunächst jene Feste und festlichenVeranstaltungen in wichtigen Momenten der Handlung, die wirschon erwähnten; oder eine Überschau von Heerscharen, fast an die,,Teichoskopien"der großen alten Volkseven gemahnend, im Narrenfestdes „Grünen Heinrich ", in „Dietegen", im „Fähnlein". Echt volks-tümlich wie diese Freude an Momenten festlicher Sammlung ist es,daß Keller, wie Frey schon hervorhebt, in seinen Werken so oftund gut schmausen läßt. Auf der anderen Seite weinen wohlbei keinem Autor moderne Menschen so viel und kräftig wie beidem Zürcher Meister. In beiden Zügen begegnet Kellers eigeneArt der des Volkes. Er schmeckte allerdings das leckere Mahldes Schneiders Strapinsky mit Behagen nach, und er brachleicht in Thränen aus und hat das letzte Kapitel des Jugend-romans „buchstäblich unter strömenden Thränen geschmiert". WasGustav Freytag seinen alten Germanen auf Grund der alten Berichtelieh, das floß den heutigen Schweizern Kellers ungesucht zu, weiler eben so ganz „einer aus dem Volk war". Eben dahin gehörenandere wiederkehrende epische Momente. Man zankt und schimpftbei Keller mit wahrer Virtuosität, wie in dem alten Walthariliede?und alle Augenblicke führt das zu Schlägereien. Selbst alte Leutewerden noch handgemein, wie die beiden Väter in „Romeo undJulie auf dem Dorfe" oder die Brüder Aegidi und der Schleiferim „Salander"; und hier wie bei dem verzweifelten Ringen derKammmacher wird dann ein anderes uraltes Motiv der Volksepenerneut: der Kampf der Untauglichen, der Zwerge, Feiglinge oderGreise. — Im Gegensatz zu diesen volkstümlichen und daher auchbei Keller beliebten Zügen werden die im modernen Kuustromaubis zum Übermaß verwandten schriftlichen Hilfsmittel der Erzählungnur sparsam verwandt: Briefe fast nur, wo sie direkt zur Charakte-ristik der Figuren dienen, wie in den „Mißbrauchten Liebesbriefen",