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1840—18S0.
Tagebücher wohl nur Parodiftisch, wie in derselben Novelle. Unddiese Enthaltsamkeit ist um so höher anzuschlagen, als Keller selbstein Meister des Briefstils war und in seiner Jugend auch daslyrische Tagebuch mit Traumaufzeichnungen uud Gedichtmotivengepflegt hatte. Aber das Schreiben ist nicht anschaulich genug; alsgeborener Epiker bringt Keller die Leute lieber persönlich zusammen.Das sührt dann zu jenen großen Reden, die Prachtstücke deutscherBeredsamkeit bilden und kaum iu einer größeren Erzählung ganzfehlen; ihren Gipfelpunkt bezeichnet Karls wundervolle Ansprachein den „Aufrechten". Keller war auch selbst, trotz aller gewöhn-lichen Verschlossenheit, ein Meister der populären Anrede, der schonin München urplötzlich auf dem Stuhl stand und eine Ansprachean die Versammlung hielt. Er besaß auch seiuen Anteil an jenerkurzen epigrammatischen Toastberedsamkeit seiner Zeit, und nichtviele bessere Trinksprüche werden in der toastfreudigen Schweiz ausgebracht worden fein, als den er beim Jubiläum des berühmtenliberalen Theologen Alexander Schweizer (1884) ausbrachte: „Esgiebt, wenn ich recht sehe, zwei Sorten von Theologen: solche, dieüber dem lieben Gott, und solche, die unter ihm stehen. Alexan-der Schweizer hat immer zn der letzteren Art gehört. Er lebehoch!" Die Theologen waren freilich sonst nicht gerade sein Fall;und an ihrer leicht zu salbungsvollen Rede reibt er sich gern, esmögen nun Orthodoxe sein oder Liberale. Die Predigten in den„Legenden" sind noch voll gutmütiger Ironie; bösartiger sind dieim „Salander" und vor allem im „Verlorenen Lachen" die breite,recht oon awors durchgeführte Parodie eiues eleganten liberalenWeltpredigers. Nicht nur das Hanptmodell, ein Prediger Lang,auch weitere Kreise der „aufgebrachten Knrie des Freisinns" habenwegen dieser fröhlichen Verspottung eines hohlen Reformphraseursgegen Keller einen „nachhaltigen Rachekrieg" geführt.
Die religiösen Probleme selbst treten öfters in die Erzäh-lung, und sie selbst werden immer mit gebührendem Ernst be-handelt. Bor allem nehmen sie in der Jugendgeschichte einen breitenRaum eiu. Die beiden Extreme: der Pietist und der Religions-spötter, treffen wiederholt auch sonst zusammen: in „Dietegen",milder im „Landvogt von Greifensee"; oder der in des DichtersHeimat so verbreitete Pietismus allein in „Ursula", auch in demdramatischen Fragment „Therese". „Das verlorene Lachen" und„der Apotheker von Chamonnix" haben verschiedene Schattierungen