Kette»? poetische Welt,
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des religiösen Bewußtseins zum Hauptgegenstand der Schilderung.Auch das ist altepische Art; wie die Heldenromane des Mittelaltersauf dem religiösen Gegensatze zwischen Christen und „Heiden"aufgebaut sind, so ragen schon in die Odyssee Kontraste hinein wieder der gottesfürchtigen Phäaken zu den gottlosen Kyklopen; unddie Schilderung von Kultusgebräucheu gehört zum festen Bestandaller Volksepen.
In das Leben der Einzelnen greifen allgemeinere Schicksaleein, große Unglücksfälle, Prüfungen des Volkes. Wie die Pest imEingang der Jlias, tritt die Verleumdungsseuche im „VerloreneuLachen" auf: unheimlich, unwiderstehlich, bei aller Grausamkeitdoch eine göttliche Vergeltung. Neben die Kriege treten diegroßen Erschütterungen des Nationalwohlstandes, die Handelskrisenund großen Bankbrüche in derselben Erzählung, die epidemischeKorruption des Beamtentums im „Salander". Man reist in fremdeLänder und kehrt verändert heim — ein episches Lieblingsmotiv,das sich verschiedenartigst im „Pankraz" und in „Frau Regel Am-rain", im „Narr auf Manegg" uud „Salander", wiederholt im„Sinngedicht" benutzt findet; die verschiedene Gestaltung der Ge-samtverhältnisse spiegelt sich dann in der Wirkung auf den Ein-zelnen ab. Dabei wird der eigentlichen Freude am Ethnographischen,die an sich auch gut volkstümlich ist «man denke nur an unseremittelalterlichen Gedichte von St. Brandan , vom Herzog Ernst)fast nur in dem überhaupt kunst- und schulmäßigeren „Sinn-gedicht" breiterer Raum gewährt („Don Correa"; „Die Berlocken").Dagegen werden Eigenheiten von mehr lokalem Gepräge stark undliebevoll ausgemalt, wie an dem Gegensatz zwischen Seldwyla undGoldach oder Nuechenst-ein. Am liebsten freilich bleibt die Schilde-rung an noch engeren Bezirken, an Haus, Stube, Gerät haften.Auch Gottfried Keller war kurzsichtig, wie Annette v. Droste undGustav Freytag ; den großen Panoramen, den großen Übersichteneines in Bewegung begriffenen Festzngs merkt man es allerdingsnicht an.
Aus dieser Welt steigen nun, wie aus jeder von besonderenBedingungen umhegten, eigentümliche Charaktere hervor. In derZeichnung der Hauptgestalten ist freilich der Didaktiker nicht zuverkennen. Fast immer stellt sich die Geschichte als Prüfung einesCharakters auf seiue moralische Haltbarkeit dar. Der „GrüneHeinrich" bringt eine Reihe von solchen Prüfungen an einer Person;