430 1840—1850.
das „Sinngedicht" eine Kette von Experimenten an verschiedenenFiguren. Danach teilen sich die Hauptgestalten Kellers fast soeinfach ein, wie Ludwig Uhland die des germanischen Epos (inTreue und Untreue) eingeteilt hat: es sind die Zuverlässigen unddie Unzuverlässigen.
Die Schlimmen sind fast durchweg dadurch charakterisiert, daßsie einen falschen, täuschenden Schein vor sich hertragen. DieFrauen thun es mit Bewußtsein: es sind kalte, berechnende Kokettenohne Seele: die elegante Lydia (im „Pankraz") und die lächerlicheZüs Bünzlin (in den „Kammmachern"), die fromm spielende Vio-lande (in „Dietegen") und die schöngeistig thuende Kätter Ambach(in den „Mißbrauchten Liebesbriefen"). Gern werden sie mitschlichten, gutherzigen Gegenbildern direkt kontrastiert, so in„Dietegen", den „Liebesbriefen", im „Correa". Die Männerdagegen verstellen sich nicht mit Absicht, sondern brennen in einemrasch verlodernden Strohfener dahin, an dessen Glut sie selberglauben; so Peter Gilgus in der zweiten Bearbeitung des „GrüuenHeinrich", so die Seldwyler alle miteinander, aber auch die ehrlichmißglückenden Heiligen wie Vitalis (in den „Legenden") und Ju-eundus (im „Verlorenen Lachen "). Doch auch der grüne Heinrichselbst und noch mehr der leichtgläubige Idealist Martin Salander haben etwas von dieser Art, während Herr Jacques (in den „Zü-richer Novellen ") davon geheilt wird.
Es ist wohl nicht anzuzweifeln, daß dieser eigentliche Haupt-typus Kellers seine psychologische Wurzel in der Natur des Dichtershat. Keller ist so gut ein Stück Seldwyler, wie Cervantes einStück Don Quijote und Swift ein Stück Gulliver war. Trotzaller angeborenen Tüchtigkeit hätte er so gut nach den romantisch-phantastischen Ansätzen der Zürcher und Münchener Jugendjahrescheitern mögen wie John Kabys oder der schließlich doch auchrecht im Engen landende Pankraz. Es wird sogar nicht anLeuten fehlen, die in der Thätigkeit des Staatsschreibers vonZürich — mit Unrecht! — „jene krabbelige Arbeit von tausendkleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt", erblicken, welcheKeller für die gealterten Seldwyler aufhebt. Er aber sah eben denSegen des Amtes darin, daß es „weder eine kleine noch eine großeSinekure war", ihn ganz für sich in Anspruch nahm und nachherihn ebenso ausschließlich seiner litterarischen Thätigkeit überließ. Indieser selbst aber hat jenes Behagen an dem Bosseln und Zurecht-