Kellers Weltanschauung.
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stutzen der Kleinigkeiten gewiß etwas, was mit freundlicher Selbst-ironie in die zwecklos spielerische Geschäftigkeit der Seldwyler um-gedeutet werden konnte.
Schlimm sind also eigentlich nur die unzuverlässigen Frauen:die unzuverlässigen Männer sind nur schwach. Wirklich böse männ-liche Charaktere treten nur als Nebenfiguren ans, nnd wie vielglimpflicher wird selbst der „Landschade" Louis Wohlwend (im„Salander") behandelt als das „Ölweib", die verkörperte Verleum-dung (im „Verlorenen Lachen "). Sogar auf den Nnsgang der dreiLumpen in der „Armen Barouin" fällt ein versöhnliches Licht, undnur gegen die „tugendhaften" Scheusale vom Schlag der Kammmacherist der Dichter ganz unerbittlich. Dafür wird auf der andern Seitedas Gegenbild, die Zuverlässigkeit, die Ehrenfeftigkeit am liebsten undschönsten an weiblichen Gestalten gezeigt: Frau Regel Amrain über-trifft noch die sieben Aufrechten, Hansli Gyr (in „Ursula") oder deubiedern Forstmeister (in „Dietegen") Klara, (in den „Freiheitskämpfern")noch ihren braven Mann; und wie glänzt die „Salanderfran". —Zu dieser Ehrenfestigkeit werden die Männer des Mischtypus durchihre Erfahrungen erzogen: Pankraz, Jucundus, Salander.
Um diese Hauptfiguren dräugt sich nun eine schier verwirrendeFülle von Nebeugestalten aller Art, die meist gleich in ganzenGruppen auftreten. Ihre Aufgabe ist es zumeist, den Helden seinemSchicksal entgegenzuführen, indem sie ihn in seiner Eigenart bestärken,wie die Gäste im Wirtshaus den Schneidergrafcn („Kleider machenLeute"), wie Louis Wohlwend und die blödsinnige Schönheit denSalander. Zugleich haben sie aber fast immer auch in sich einegewisse Verwandtschaft mit der Hauptfigur, weil sie ebeu dem gleichenNährboden entsprossen sind; wie Patroklos eine gewisse Ähnlichkeitmit Achilleus zeigt. So ist das ganze groteske Gefolge der DonnaFeniza (im „Correa") mit ihr verwandt wie eine Hexe mit einemHäuflein böser Geister. Aber dies geht noch weiter. Wie der Erd-boden an einer bestimmten Stelle nicht eine Frucht oder einenBaum hervortreibt, sondern deren viele, so treten auch bei Kellergern die seltsamsten Menschenpflanzen gedoppelt oder gedreifachtauf: die Zwillinge im „Salander" und ihre Ehefrauen, die dreigerechten Kammacher, der böse Baron und seine zwei Schwäger.Es gilt hier, was Goethe über Rosenkranz und Güldenstern im„Hamlet " sagt: es müßte eigentlich ein Dutzend sein, denn nur inGesellschaft bedeuten sie etwas. Sie stellen einen bestimmten Zu-