432 1840—1850.
stand der Gesellschaft vor, die Philistrosität, die Lumpeuhaftigkeit,die Unselbständigkeit eines bestimmten Zeitausschnitts, und ihre Ver-vielfältigung selbst ist ein Symptom für Epochen, in denen Hundertederselben Infektion erliegen.
Diese Welt Kellers hat ihre eigene Moral, worunter zunächstnichts weiter zn verstehen ist, als gewisse empirische Gesetze derSocialpsychologie; nichts weiter als die Erfahrung, daß ein sogearteter Kreis von Menschen auf bestimmte Lebensäußerungendes Einzelnen in bestimmter Weise zu reagieren pflegt. Mehr hatdie Moral bei Goethe auch kaum zu bedeuten: sie überträgt inseine Dichtungen etwa die von ihm im wirklichen Leben gemachteErfahrung, daß nur Selbstüberwindung zu einem dauernden Glückbefähigt. So ergiebt sich sür den, der Kellers Dichtwerke aufmerk-sam liest, die einfache Lehre, daß hohler Schein auf die Dauer nichtbestehen kann. Mag ein falscher Glanz mit noch so viel Kunstaufrecht erhalten werden — es kommt der Augenblick, da Pankrazdie „Eselhaftigkeit" seiner angebeteten Dame erkennt, aber auch der,da er die Thorheit des Schmollens einsieht, mit dem als einemZeichen inneren Stolzes er sich so lange selbst imponiert hat. —Ebenso kommt die Ehrenfcstigkeit trotz aller Bedrängnis schließlichzu Ehren, weil ,der Moment nicht ausbleiben kann, in dem derTüchtige gesucht und geschätzt wird, sei es nun ein Krieg oder eineernste Versuchung der Gemeinschaft. Stoßen der Lump und derEhrenmann zusammen, so mag jener eine Weile die Oberhand haben,wie der Maler, der des grünen Heinrich Karton stiehlt, oder LouisWohlwend; am Ende siegt doch der Brave:
Ein dummer Teufel ist der Schuft,Weil er doch der Geprellte ist,Wenn ihn ein rein einfältig HerzMit großen, klaren Angen mißt.
Das klingt optimistisch genug und ist es auch und hängt mitder Tendenz zusammen, die Keller so nachdrücklich bekannt hat:daß die Poesie „das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft so weitverstärken und verschönern solle, daß die Leute noch glauben können:ja, so seien sie". Er will die Lebensfreude heben; er will dieTüchtigkeit ermuntern, die Lüge einschüchtern. Von einem blindenIdealismus, wie ihn Otto Ludwig den Nachfolgern Schillers vor-wirft, bleibt Kellers gesunder Wirklichkeitssinn deshalb noch weitentfernt. Er weiß, daß auch die Schlechtigkeit triumphieren kann.