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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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433
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Kellers Moral. 433

Wir berufen uns nur auf jene tiefernste Stelle der Schncidernovellc,an deren Wahrheit man alle Tage erinnert wird:

Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehreseiner Kirche vhue Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründemit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteileeines hohen Lehramts inne hat nnd genießt, ohne von der Hohe seiner Wissen-schaft den mindesten Begriff zn haben und derselben auch nur den kleinstenVorschub zu leisten: wenn ein Künstler ohne Tugend, mit leichtfertigem Thunund leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahrenArbeit vvrwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der einen großen Kauf-manuSnamen geerbt oder erschliche» hat, durch seine Thorheiten uud Gewissen-losigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, so weinenalle diese nicht über sich, sondern erfreuen sich ihres Wohlseins uud bleibennicht einen Abend ohne aufheiternde Gesellschaft und gute Freuude.Indes auch solche Stellen widersprechen Kellers Überzeugungnicht, daß der Bestand der Gesellschaft auf Gerechtigkeit gegründetsei; denn wenn sich die Völker, das Publikum, die Gesellschaft solcheFürsten , Künstler, Tonangeber gefallen lassen, so geschieht eben auchihnen selbst nur, was sie verdienen. Im Grunde bleibt es alsodoch dabei, daß für jede Gemeinschaft gilt, was Kellers Geschichts-philosophie für Völker und Zeiten lehrt: daß der Bestand einesjeden Erfolgs von der Solidität der angewandten Mittel abhängt,daßjede Erscheinung genau die Dauer hat, welche ihre Gründ-lichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient".

Tragische Ausgänge werden durch diese Auffassung nicht aus-geschlossen, wenn sie auch bei Keller in entschiedenem Gegensatzzu Heyse uud noch mehr zn Storm die Minderheit der Fällebilden. Es giebt eben Stellen, die gewissermaßen so verseucht sind,daß sie jedem Verderben bringen, der sich ihnen naht. In Kellerstragischem Meisterwerk, der unvergleichlichen NovelleRomeo undJulie auf dem Dorfe", die bei der Umsturzdebatte im Reichstagals Prüfstein für das künstlerische Verständnis unserer maßgeben-den Politiker ein so betrübendes Ergebnis an den Tag brachtein dieser reinsten und schönsten Liebesgeschichtc unserer neuerenLitteratur geht das Liebespaar lediglich au der Schuld der Elteruzu Grunde. Es ist gar nicht daran zu denken, daß Keller in demerschütternden Ausgang etwa eine Strafe für ungehorsame Liebeoder gar für den ganz berechtigten Sreinwurf Salis gegen Martisehen wollte. Es ist eben das Schlimmste am Schlimmen, daß esüber den engen Bannkreis der einzelnen Verschuldung hinausgreift;nun vollends die Kinder werden hier (und auch sonst) gut volks-

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