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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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tümlich gleichsam als Teile der Eltern angesehen; von deren Unglückfällt ohne weiteres etwas auf sie. Seine gute Moral hat auch das:seid nicht schlecht; sonst werden es noch eure Kinder büßen. Auchdas ist alte volkstümliche Anschauung: es wird ja schon im AltenTestament gepredigt.

Daneben fehlt es bei Keller nicht an ausgesprochen didaktischenStücken, d. h. solchen, die um der Moral willen geschrieben sind,während diese sonst sich nur aus der um ihrer selbst willengeschaffenen Erzählung ergiebt. Dazu gehören schon Novellen wieFrau Regel Amrain uud ihr Jüngster", ein Volksbüchlein überdie Erziehung so gut wie Pestalozzis (von Keller sehr hoch ge-stelltes)Lienhard und Gertrud", wenn auch von unvergleichlichhöherem Kunstwert; und dieMißbrauchten Liebesbriefe " machendie litterarische Satire, dasVerlorene Lachen" den Kamps gegen(nach Kellers Urteil) nngesuude religiöse Richtungen nahezu zurHauptsache. Selbst der ganze Salander-Romau streift durch seinefühlbar nationalpädagogische Tendenz bedenklich uahe an die eigent-liche Didaktik viel näher als etwa die doch anch im Kernlehrhasten Nomaue Freytags und der Luise von Fran^ois. Da-gegen ist in der wunderschönen kleinen ErzählungVerschiedeneFreiheitskämpfer" die Tendenz ganz in die Erzählung aufgelöst.Rein didaktisch sind aber mehrere andere Stücke in denNachgelassenenSchriften und Dichtungen": neben dem Bettags-Mandat und einerkleine» Anzahl ungemein anregender Recensionen und Kunstbe-sprechungen die kleine GeschichteDer Wahltag", die knrze, aberstarkeParabel", die an Tolstois grandiose Fabeln erinnert. Ingeistreich durchdachtem Wechsel läßt der Prächtige AufsatzAmMythenstein" die Schilderung der Schillerfeier am Vierwaldstütter-see mit Betrachtungen nnd Anregungen über nationale Knnst,Volksschauspicl und individuelle Dichtung wechseln. Auch deuautobiographischem Artikeln fehlt es nicht ganz an pädagogischenSpitzen. Und gerade dadurch erhalten auch diese Arbeiten wie dievielfach lehrhaften Gedichte ihren organischen Platz in der dichte-rischen Gesamtwelt Kellers.

So zeigt sich Kellers epische Größe, worauf immer wir blicke«:in der Anschaulichkeit, in der Unerschöpflichkeit, in der Stileinheitder Schöpfungen, die sich in der Sprache, der Einheitlichkeit desWeltbildes, der Übereinstimmung der Charaktere, der Geschlossen-heit der Moral gleich kräftig offenbart. Wir fügen diesen großen