Namengebung.
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Momenten noch ein kleines, das aber doch sehr charakteristisch ist,bei. Gottfried Keller ist ein wahrer Meister in der Kunst, seinenFiguren (und auch den Örtlichkeiten) Namen zu geben, die, ohnestörend deutlich zu sein, uns doch gleich ein ungefähres Vorgefühlvon deren Wesen geben. Das ist, wie Gustav Freytag einmal mitRecht bemerkt, eine weder ganz leichte noch ganz unwichtige Kuust,zumal für das Epos. Im Drama mag die Art, wie ein Namevon den andern Figuren ausgesprochen wird, mag auch besondersihr Anblick dem mangelhaft gewählten Namen nachhelfen; in derErzählung ist der Leser rettungslos dem geheimnisvoll lautsymbo-lischen Eindrucke des Namens preisgegeben. Man hat für die Er-zählerkunst eines modernen Antors gar keine schlechte Handhabe,wenn man zunächst seine Namengebung prüft. Für den Dilettan-tismus, der in Spielhagens Erstlingsroman trotz aller blendendenBegabung wuchert, sind die unglücklichen Namen nicht wenig be-zeichnend. Ein französischer Sprachlehrer soll den ganz unmöglichenNamen „d'Estein" für „Stein" annehmen! Da wohnt ein Dr. Birken-hain in Fichtenau , was doch nur in Possen vorkommen sollte; da sührtein Gelehrter den zwar für ihn ganz passenden Namen „Bemperlein",soll aber von würdigen Pastoren abstammen, deren Würdigkeit durchihren Vatersnamen auf einmal ausgelöscht wird. — Fontane , derseine Leute vortrefflich kennt, aus der Technik sich aber allzn wenigmacht, wählt die Vornamen ausgezeichnet und kann „IrrungenWirrnngen" mit einer wirkungsvollen Konfrontierung der NamenBotho und Gideon beschließen; und wer kann sich das Effi vonder Trägerin des Namens wegdenken? Aber auf die Vaters-namen verwendet er nicht die gleiche Sorgfalt. Ein so ironischerName wie Poggenpuhl führt uns irre, da wir nicht in einenFroschsumpf geraten, sondern in höchste Ehrbarkeit: und so oft derName Jnnstetten genannt wird, taucht der Typus eines öster-reichischen Adeligen auf, wo wir in Esfis Gatten den typischenpreußischen Landrat sehen sollen. Die eigentlichen „Erzähler" wieHebel, Holtei, Freytag, Riehl, Rosegger werden sich in den Namenselten vergreifen; ein bedeutender Meister anderer Dichtungsgattungenwird es leicht thun, wie denn an Hcbbels unglücklichem „Schnock"gleich der Name vergriffen ist: niemand stellt sich darunter einenstarken Kerl vor, viel eher einen schmalen, schwächlichen Menschenwie etwa Freytags Schmock. — Bei Keller ist nun die Namen-gebung ganz untadlig, so trefflich, daß selbst Gerhart Hauptmaun
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