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er in den „Tunnel" eingeführt nnd wetteiferte mit Strachwitzin der Balladendichtung: aber während die andern dort nur dieWirkung ihrer Poesien beobachteten, untersuchte er unermüdlich diemerkwürdigen Menschen selbst, mit denen er da zusammensaß,Ministeraspiranten und halbverbummelte Genies, pedantische Schul-männer nnd frivole Journalisten. Er hat seine Bcobachtuugeuin dem für das Verständnis der vierziger Jahre unschätzbaren Buch„Chr. Fr. Scherenberg und das litterarische Berlin um 1840—60"(1885) niedergelegt, nachdem er sie schon für den Dichterklub„Castalia" in seinem ersten großen Roman benutzt hatte. Wirkönnen da sehen, wie srüh seine erstaunliche Menschenkenntnis ge-reift war. Fast alle Probleme, die ihn später beschäftigten, er-wuchsen ihm hier schon aus dem Studium der Blender undPropheten, der philiströsen Arbeiter und der „überheblichen" Kritikerim Klub. Ein Problem aber ging ihm mit besonderer Schärfe auf:das der focialen Klaffen. Dichter aus dem alten Adel wie derSchlesier Strachwitz und besonders die Märker Lepel uud Merckel ver-kehrten dort auf dem Fuß völliger Gleichheit mit dem Apothekerssohn;kam er aber in ihre Familienkreise, so wiederholte sich die Erfahrungeiner unwillkürlichen Sonderung der Elemente, die fchon sein Vatermit den Swinemünder Edelleuten gemacht hatte. Aber diese Er-fahrungen verletzten ihn weniger, als sie ihn interessierten. Wiesteht es mit dem preußischen Adel? mit dem Bürgertum? IhreBerührungen werden ein Hauptthema zumal der älteren Romane.Mit dem Arbeiterstand hat er sich nicht beschäftigt; keine persönlichenErlebnisse führten ihn zu diesem Problem. Nur die „Dienstboten-srage" wird im „Stechlin " leise gestreift.
Anch Fontane verleugnet nicht die historisch-politische Tendenz.Wie viel von den Ansprüchen des „historischen Adels" und desliberalen Bürgertums besteht noch vor der Kritik der Gegenwart?das ist geradezu das Thema von „Schach von Wuthenow" und „Stine ",von „Frau Jenny Treibet". Aber er ließ sich nicht, wie der liberaleMonarchist Freytag oder der ziemlich radikale Republikaner Keller,von einer bestimmten Grundanschauung leiten, sondern von demZweifel, von der Wißbegier. Wie Hebbel gehört auch Fontane zuden modernen Pfadfindern der „experimentellen Poesie", ohne daßihm doch deren doktrinäre Schwächen anhafteten. Er stellt den Edel-mann oder die Kommerzienrätin vor das Problem einer „Mesalliance"— und sieht nun mit ruhigein Forscherblick zu, was daraus wird.