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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
449
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Fontanes historisch-politische Art. 449

Ein eigentlicher Politiker ist Fontane nie gewesen. In denJünglingsjahren hat er natürlich, wie jeder poetisch veranlagtejunge Mann jener Tage, Herwegh und Karl Beck nachgeahmt.Als er aus England zurückkam, trat er (1860) in die Redaktionder hochkonservativenKreuzzeitung "; aber damals hatte er bereits(imSommer in London ") trotz der Verurteilung der Revolutiondie nationale Seite, diesen gesunden Kern jener Erhebung, nichtundankbar verkennen lassen" wollen:ein deutscher Geist, wie ihndie Freiheitskriege sahen, erwachte erst wieder unter den Gewehr-schüssen des 18. März". Er hat das preußische Heer auf dieSchlachtfelder in Schleswig, Böhmen, Frankreich begleitet (Derschleswig -holsteinsche Krieg" 1866Der deutsche Krieg von 1866"18691871), wobei er zu Vaucouleurs in die Gefangenschaft derFranctireurs geriet und Gelegenheit hatte, seinen zehn Jahre früherausgesprochenen Satz zu erproben, der wahre Reiz des Lebens liegeüberallüberm Abgrund der Gefahr" (Kriegsgefangen " 1871). Sogewiß diese patriotischen Studienreisen seine alte Liebe zur Armeenur steigern konnten, so wenig konnten sie ihn doch zu einem blindenSoldatenkultus bringen. Nach dem Kriege trat Fontane in denVerband der fortschrittlichenVossischen Zeitung"; wenn er auch hierso wenig wie früher bei derKreuzzeitung " politische Artikel verfaßte,wurde doch immer eine gewisse politische Zugehörigkeit erwartet.Man kann aber so wenig sagen, Fontane sei in politischer Hinsichtjetzt einFortschrittsmann", wie daß er früher einKreuzzeitungs-mann" war. Er hat sich nie in ein Parteiprogramm eingeschnürt,hat sich wohl für die politischen Fragen im einzelnen kaum interessiert.Das war ihm, wie dieNatur", zu abstrakt. Ihn interessierten tueMenschen.

Fontanes erste Veröffentlichungen (Männer und Helden" 1850,Von der schönen Nosamunde" 1850,Gedichte" 1851) bewegen sichin einer weltentfernten, romantischen Verherrlichung von Ritterthatenund Königsschmerz. Wohl hat der Anschluß an die wundervolleenglische Romanzendichtnng ihm zu Prachtstücken wie dem berühmtenArchibald Douglas " und dem künstlerisch vielleicht noch höherstehendenLord Athol" verholfen; aber ein neuer Ton ist hier nichtzu hören. Zwischen dem weicheren Geibel und dem kräftigerenStrachwitz läßt er die Harfe zum Preis schottischer Kriegsthateuerklingen, in schlichten Versen, mit sicherem Takt das Volkstümlichehier beibehaltend, dort ersetzend. Er ist hier ein letzter Homeride,

Meyer, Litteratur, 29