450 1840—1850.
und das ist ja immer schön; aber ein Homer ist er noch nicht.Aber gerade drüben auf dem Boden Schottlands erwachte ihm jadie rechte Sehnsucht nach der Heimat. Von Clans und Häupt-lingen, Treue und Verrat, Ehrgeiz und Liebe im KostümWalter Scotts hatte er genug gehört; wie klingt das alte Lied da-heim? Gerade der Gegensatz der romantischen Herrlichkeit zu dergedrückten Gegenwart mußte nachdenklich machen. Fontane gehtlangsam und sinnend seinen Weg; er schreibt Kriegs- und Theater-berichte, Gedichte und Übersetzungen; am liebsten aber wandelt erdurch die Straßen Berlins , den hellen Kopf mit den leuchtendenblanen „Alten Fritzenaugen" ein wenig vorgesenkt über der hohen,ausrechten Gestalt, einen dicken weißen oder grün karrierten Shawlum den Hals geschlungen. Und so schreitet er durch Gedränge undEinsamkeit scheinbar unberührt, sieht sich kanm je um — und beobachtet.Aber es ist doch nicht ganz Täuschung, wenn der große Beobachternichts um sich zu sehen scheint. Denn das Organ seiner Beobach-tungsgabe ist vor allem — das Ohr. Er könnte Wilhelm Jordans Verse citieren, die das Grnndmotiv sür das hübsche kleine Lustspiel„Durchs Ohr" abgeben:
Durchs Auge lieben — nichts ist abgeschmackter,Der Kehlkopf nur verrät uns den Charakter.
Die äußere Erscheinung des Menschen interessiert Fontänenur mäßig — daß er „aussieht", teilt er immer noch mit derganzen Natur. Seine Eigenart zeigt sich erst da, wo er sich desPrivilegs bedient, das ihn vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet:der Rede. Deshalb liebt es Fontane , den Menschen fast aus-schließlich durch seine Reden zn charakterisieren und zur Anschauungzu bringen. Was er thut, gehört ihm nur znm Teil: viel davonist Zwang der Verhältnisse, anderes mechanische Gewohnheit. DasHandeln wird deshalb bei Fontane ganz nebensächlich behandelt.Man verreist, kommt in einem Gasthaus an und unterhält sichmit Wirtin und Kelluer; geht spazieren und spricht mit anderenTouristen; kommt nach Hause und spricht sich nun in einem langenBrief endlich aus. Inzwischen hat man sich unmerklich verliebt,sinkt rasch in den Abgrund, und ein Selbstmord macht das Ende.So die fast ständige Textur feiner Novellen: in „Schach vonWuthenow" wie in „Graf Petöfi", in „Cecile " — der Techniknach Fontanes typischem Roman — wie in „Stine "; ähnlich in denandern. Aber wenn das Sprechen Fontanes fast ausschließliches