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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Wie die Menschen bei Fontäne sprechen.

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trefflichen alten Herrn so deutlich! Oder ein Stück Gesprächwie dieses:

Falsch, falsch. So denkt jeder. Aber ist man erst drin im Feuer, dannhat man anch das alte Vergnügen wieder. Ich sage dir, Albertine, wenndu diesen Quitzow, diesen Dietrich v. Qnitzvw gesehen hättest Studienach BiSmarck, aber BiSmarck Waisenknabe daneben. Augenbrauen wie 'neSchuhbürste. Müssen das Lcntc gewesen sein! Und sein Bruder soll nochtoller ausgesehen haben, weil er bloß ein Auge hatte. Pochphcm. Hießer nicht Polyphem ? . . .Ich glaube, Eberhard. Wenigstens giebt es soeinen".

Wie das abgestuft ist! Man hört den alten General, dem dasTheater so sehr imponiert und der selbst mit ein bißchen unsichererGeschichte und Mythologie imponieren möchte und sich dann dochunsicher, freundlich-überlegen an die arme Schwägerin wendet; unddie sanft unterwürfige Antwort. Inhaltlich könnte dies Dialogstückin den verschiedensten Romanen Fontanes stehen, mit den kleinstenAnpassungen; denn man redet bei ihm gern über Theaterauf-führungen: über ein Antichristspiel inGrete Minde", überZacharias WernersWeihe der Kraft" inSchach von Wuthenow ".Aber Fontane könnte Rede und Gegenrede weder dem Grafen Petöfiund seiner Schwester, noch dem Herrn v. Briest und seiner Frau leihen,ohne alle Töne und Aeeente zu ändern; so fein stimmt er die Rede desEinzelnen an sich und wieder nach dem jedesmaligen Adressatenab. Von solchen Stückchen gilt, was inUnwiederbringlich " vongewissen Gedichten gesagt wird:Es hat eigentlich keinen rechtenInhalt und ist bloß eine Situation und kein Gedicht, aber dasthut nichts. Es hat den Ton, und wie das Kolorit das Bildmacht, so macht der Ton das Gedicht." Solche kleinen Situations-gcdichte finden sich auch in Fontanes Gedichten, meisterhaste kleineGesprächsskizzen:Ans der Gesellschaft",Lebenswege" mirscheinen sie bei all ihrer Kürze Fontanes reine Lyrik aufzuwiegen.

Während man also zu behaupten pflegt, alle Figuren sprächenbei Fontane gleich, behaupten wir im Gegenteil, es gebe überhauptkeinen Dichter, der die Sprache feiner, individueller, im höchstenSinne realistischer abzutönen weiß. Man lese nur nachEffiBrieft" einen Roman sei es von Goethe oder von Heyse oder vonSpielhagen oder von Kretzer man wird erstaunen, wie gleich-mäßig dann alle Leute zu sprecheu scheinen. Es ist ein Unterschiedwie zwischen der alten Malerei, die für alle Wangen und Lippendasselbe Not hatte, und der unendlich feinen Farbenabstufung mo-