Liebe zu allem, was lebt, über. Eine Auswahl nur der poetischenoder pathetischen Gegenstände erscheint ihm, wie Gottfried Keller ,als ein Frevel an dem Reichtum der Welt.
Aber er schreibt nicht, um Gefühle zu erleben. Er will lernen.Die Typen kennt er; kennt er so genau, daß er jede einzelne Fignrohne weiteres in ihr Bataillon einrangiert. Anfangs geschieht dasnoch schüchtern; in „Jenseits des Tweed " heißt es etwa noch vonAdam Smith , er sei, „beiläufig bemerkt", wie fast alle National-ökonomcn ein schlechter Wirt gewesen. Nachher sallen Einführungund Einschränkung fort: „Italiener von Abstammung, wie diemeisten berühmten Franzosen" („Graf Petöfy"). „Frauen mit Sap-peurbartsmännern sind fast immer kinderlos" („Stechlin "), „Portierskönnen immer" (ebenda). Znr Manier artet das in „Unwieder-bringlich" aus, wo kaum eine Person auftritt, ohne daß er ihr einRangzeichen an den Rock heftete: „Alle Portugiesen sind eigentlichJuden"; „alle Brigitten haben so was Sonderbares". Aber derTypus ist eben erst die allgemeine Bestimmung; und nun inter-essiert es Fontane gerade, zu sehen, wie er sich differenziert.
Das Gleiche gilt für die Situationen nnd die Anschauungen.Das Allgemeine hat er rasch heraus; nun kommt es auf die Nuancean. Daher auch hier die charakteristischen Fontanischen Verall-gemeinerungen: „Das Frühstück, wie jedes gute Frühstück, dauertebis zum Abend." „Aber die Seeschlachten! Seeschlachten sindimmer etwas, wo Freund und Feind gleichmäßig ertrinken und einwohlthätiger Pulverdampf über allem ausgebreitet liegt." „DieStille, wie gewöhnlich, weckte die Schläfer." Alles ist allgemein,bei dem Einzelnen wie bei der Gesamtheit. Der eine hat das Tüten-priuzip, d. h. er thut den Zucker lieber in Tüten als auf Schalen;der andere hat das Schalenprinzip. Und jede solche Eigenheitinteressiert Fontäne, weil die zahllosen Prinzipien, Gewohnheiten,Meinungen in ihrer Summe aus dein Exemplar des Typus erstdas lebendige Individuum machen. Was er mit tausend anderengemein hat, das macht seine Eigenart aus. „Die Dinge an sichfind gleichgültig", heißt es höchst charakteristisch in Fontanes letztemBuch; „alles Erlebte wird erst was durch, den, der es erlebt."
Daher auch Fontanes größte stilistische Leidenschaft: die Fragenmit „denn was heißt —?" nnd „denn warum?" „Was heißtklug? Er ist viel klüger!" (L'Ndultera"). „Ach, mein lieber Sander,was ist klug?" „Die Mittelklugeu sind allemal am leichtesten zu