Fontanes ältere Romane.
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kürlich wie Ahnenporträts an die Wand und verschmäht noch nichtdas altbeliebte Hilfsmittel des Tagebuchs, das er später als allzumonologisch beseitigt; erst im „Stechlin " kehrt es wieder. Briefebleiben dagegen immer in Ehren, vor allem Reisebriefe (die be-rühmtesten in „Irrungen Wirrungen "). Auch der „edle Pole" seierthier — so spät noch! — seine letzte Verherrlichung. Auch machtsich der Charakter der Problemdichtung noch störend fühlbar; immerwieder wird diskutiert, ob der preußische Adel mit seinen Theorienvon deutscher Treue uud adeliger Ehre recht habe. Später —schon in „Schach v. Wuthenow", vor allem aber in „JrrnngenWirruugen", „Stine, " „Unwiederbringlich" — wird der Edelmanneinfach vor das entscheidende Problem gestellt, und aus der Hand-lung selbst beantwortet sich die Frage. So können wir bei Fon-tane die Entwickelung von der jungdeutschen Problemgeschichte zummodernen Experimentalroman deutlich verfolgen.
„Schach v. Wutheuow" ist das erste unter Fontanes Meister-stücken, und in der Kunst zarter und doch bestimmter Linienführunghat er es nur in „Stine " übertroffen. Die Schilderung des Zeit-charakters war in dem ersten Roman zwar glänzend gelungen, abersie stand (wie in den meisten historischen Romanen aus WalterScotts Schule) noch zu sehr als selbständige Leistung da, in diedie Figuren mehr zufällig hineinspazieren; jetzt erwachsen typischeFiguren und symptomatische Schicksale mit Notwendigkeit aus dieserZeit und aus dem Wesen „einer Armee, die statt der Ehre nurnoch den Dünkel, und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat".Schach v. Wnthenow, ein Durchschnittskavalier und schöner Mann,wird dnrch sein Vergehen zu der Ehe mit der häßlichen Tochtereiner schönen, von ihm eigentlich geliebten Mutter gezwungen; erfürchtet die Lächerlichkeit und erschießt sich. Wie nun aber denMann, der von der Ehre ganz äußerliche Vorstellungen hat, kleineMomente zn diesem Verrat an seiner Geliebten, zu dieser mutlosenFlucht zwingen, das ist so fein ausgeführt wie in „Ellernklipp "das Nahen der Mordthat, wie in „LÄdultera" die seelische Vor-bereitung des Ehebruchs.
„Graf Petöfy" (1884) uud „Cecile " (1887) sind Romaneder Mesalliance; aber mehr noch der psychologischen als der socialen.Jung und alt, ehrenfest und bescholten verbinden sich und werdenins Unglück gezogen. — Unmittelbar fchließt sich das Zwillings-paar der berühmtesten „modernen Romane" Fontanes an: