460 1840-1850.
„Irrungen Wirrungcn" (1887) und „Stine " (1890; älter als„Irrungen Wirrungen ", aber später erschienen, weil der Roman vordem Erfolg seines Zwillingsbruders keinen Verleger finden konnte!)Hier handelt es sich um die Mißheirat im eigentlichen Sinne: umdas „Verhältnis", das dort mit leiser Klage aufgegeben wird,hier zur Ehe führen soll. Fontane, der bis dahin zu den „altenHerreu" gezählt worden war — er hatte ja Balladen gedichtet! —galt von „Irrungen Wirrungen " an den Alten als ein Abtrünniger,den Nenen als ein Prophet. Sie hatten nicht unrecht; nur dieDatierung war willkürlich.. Die beiden Bücher zeigen freilichFontanes Eigenart in reinster, reifster Ausprägung. Nirgends ister so entschiedener Realist, enthält er sich so aller naturalistischenoder idealistischen Effekte, um nur einfach ein Stück Wirklichkeit zugeben. Nirgends vorher war seine Sprechtechnik zu solcher Voll-kommenheit gediehen. Nirgends hat er so energisch Berliner Ver-hältnisse, Örtlichkeiten, Eigenheiten angepackt, obwohl die späteren„Poggenpuhls " und zum Teil auch „Frau Jenny Treibe!" nahekommen. Dennoch war dies alles in „Vor dem Sturm " und„Schach", in „Petöfy" und „Cecile " und vor allem anch in derkaum beachteten „Adultera " augekündigt. Aber inzwischen hattenPublikum und Kritik den echten Realismus beachteu gelernt. Dasmehr noch als die künstlerische Höhe gerade der beiden Büchermachte ihre Wirkung. Man brauchte einen Klassiker des modernenRealismus. Man hätte ihn längst haben können; nun aber warer nicht länger entbehrlich, und er wurde mit Jubel proklamiert.Mit einem gerechten Jnbel, der nur gegen Fontanes andere Romaneungerecht war.
Das „Verhältnis", die wilde Liebesehe, hat, vor allem inFrankreich , ihre eigene Litteraturgeschichte. Meisterwerke wie desAbbe Prevost „Geschichte der Manon Lescaut", wie der Goncourt „Manette Salomon" und Dandets „Sappho " erzählen von derzerstörenden Macht einer sinnlichen Leidenschaft, deren Auslebenfortwährende Konflikte mit den bestehenden socialen Mächten herauf-beschwört. Ganz anders faßt unfer Meister das Problem. Der„Lärm in Gefühlen" ist ihm nun einmal zuwider, und selbst inPrevosts wundervollem Buch dürfte ihm noch zu viel Geklirr vonDegen, zu viel Aufwand iu Gefühlsausbrüchen störend auffallen.Die leise Melancholie einer Annäherung, die nicht zu voller Be-friedigung führeu kann, die stille Tragik eines Abschiedes, den nicht