Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
462
Einzelbild herunterladen
 
  

462 - 1840-1850,

Grundmotiv auch für das 'kleinere Gegenstück zuIrrungenWirrnngen".Stine " (1890) ist die Geschichte eines armen, kranken,jnngen Adeligen, der seine letzte Lebenshoffnuug ans das lebens-nnd liebevolle Mädchen aus dem Volk gesetzt hat. Das giebt derErzählung einen etwas pathologischen, dekadenten Beigeschmack. Dasunausbleibliche Ende der meisten Fontcmischen Helden, der Selbst-mord, wirkt in der Atmosphäre der prächtigen Frau Pittelkow,einer der glänzendsten Figuren Fontanes , besonders unerwartet.Mindestens möchte man sagen, was der Dichter vom Ausgang derFrau vom Meere" Ibsens genrteilt hat:Es geht. Aber es gehtmir zu flink". Anch Stine selbst ist ein wenig blaß geraten; ihreSchwester, Pauline Pittelkow, stellt sie allzu sehr in Schatten. Esgiebt schlechterdings keine Figur in der Weltlitteratur, in der dieungeheuer schwierige Ausgabe, eineordinäre Person" sympathischzu machen, mit solcher Sicherheit gelöst wäre gelöst nicht durchdas bequeme Hilfsmittel irgend einer wohlthätigen Handlung,sondern lediglich durch die Geradheit und innere UnVerdorbenheitihrer Reden. Die Eigenart von Fontanes Humor, diese Mischungvon weltüberlegener Ironie mit gutmütiger Anerkennung, scierthier ihre höchsten Triumphe. Frau Pittelkow, die selbst mit einemalten Grasen (letztem Abkömmling der Linie Petöfi ) in Liaison lebt,warnt Stine vor der Verbindung mit dem armen Waldemar:Ichpuste was auf die Grafen, alt oder jung, das weißt dn, hast esja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich will,ich puste sie doch nich weg, un den Unterschied auch nich." DieWeisheit und der Mutterwitz von der Gasse verstehen sich immer,uud Fontane hat oft gesagt, was Frau Pittelkow noch sagt:DieSchwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als dieDollen."

MitIrrungen Wirrungen" undStine " hat die Haupt-reihe der Erzählungen Fontanes ihren Gipfel, hat seine realistischeKunst ihren Höhepunkt erreicht. Foutane kennzeichnete diesen Mo-ment auch äußerlich, indem er (1890) seineGesammelten Romaneund Erzählungen" erscheinen ließ. Doch folgten noch zwei weitereAdelsromane:Unwiederbringlich" undEffi Briest ". Daß dereine auf dänischem Boden spielt, macht wenig Unterschied; auchGraf Petöfi" hatte deu österreichischen Edelmann statt des preußi-schen in den Mittelpunkt gestellt. Aber in beiden ist nicht mehrdie Mißheirat das Motiv, wie in irgend welcher Form in all den