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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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früheren, obwohl immerhin ein psychologisches Mißverhältnis derGatten auch hier das treibende Rad ist. Dagegen bildetFrauJenny Treibe!" zu jener Reihe, die vonVor dem Sturm " zuStine " reicht, eine Ergänzung, indem diesmal das Motiv derMißheirat vom rein bürgerlichen Gesichtspunkt aus behandelt wird.Die Mesalliance wird dabei allemal als der Prüfstein für dieStandesanschauungen überhaupt aufgefaßt: ist die Liebe stärkeroder die Konvention? Die Liebe, antworteten die Idealisten frühererPerioden; die Konvention, antwortet mit wehmütigem Lächeln dermoderne Realist.

Fontanes großer Bourgeois-Roman hat einen Vorläufer inL'Adultera " (1882). Es ist technisch die schwächste LeistungFontanes, trotzdem oder vielleicht auch weil er eine bekannte Berliner Skandalgeschichte aus der reichen Bourgeoisie in den Grundzügengetreulich nachgebildet hat. Der Mann, der sich später von allen Zu-thaten des romantischen Apparats so energisch befreit hat, arbeitethier noch mit einem symbolischen Gemälde dem der Ehebrecherinvon Tizian mit bedeutungsvoll wiederkehrenden symbolischen Situa-tionen, mit Parallelfällen; der Mann, der nachher die wichtigstenSätze so kunstvoll verbirgt, läßt jetzt noch mit dem symbolischenSchlußwort die Thür des Kapitels dröhnend ins Schloß fallen:Unter dem hatbaufgezogencn Rouleau hin zog eine milde Nachtluftein. ,Wie mild und weich', sagte Melanie. ,Zu weich', entgegneteRubehn. ,Und wir werden uns auf kältere Luftströme gefaßt macheumüssen."' Solcher Mißbrauch des allzu absichtlichen Symbols istneuerdings wieder Mode geworden und regiert die ganze Technikso talentvoller Produktionen wie Helene BöhlansNangierbahnhof".Fontane hatte inVor dem Sturm",Grete Minde",Ellern -klipp" das zeitlich, lokal, social ferne Milien sofort realistisch ange-faßt; jetzt, wo er das Berlin seiner Kreise mit Generalstäblern undStiftsdamen, mit der Hofjägcr-Allee und der ersten Fahrrad-Invasionschildern will, meint er sich erst noch mit den Schwimmblasen solcheralten Romanmittelchenüber der gemeinen Wirklichkeit" halten zusollen. In der Charakterschilderung dagegen, vor allem des reichenKaufmanns, dessen Taktlosigkeit sogar seiue Herzensgüte unerträglichmacht, hat Fontane jetzt schon wenig zu lernen; und die Gespräch-stücke sind zwar noch etwas absichtlich in die Suppe hineingeschnitten,an sich aber ganz delikat. Die Begegnung von Mutter und Kindnach der Flucht, inEsfi Briest" so rührend ausgeführt, ist hier