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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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bereits vorgebildet, aber mit viel geringerer Kunst. Und der un-wahrscheinlich-versöhnliche Ansgang trennt diesen Roman von an-deren Erzählungen Fontanes ab; man möchte fast glauben, einegutmütige Sympathie mit seinen noch lebenden Modellen habe hierdie strenge Hand des Künstlers beirrt.

Erst nach Jahren kehrt Fontane in dies Milieu zurück. Esgeschieht in dem RomanFrau Jenny Treibet, oder Wie sichHerz zu Herzen sind't" (1892). Die Geschichte hat etwas zu vielvon der Epigramm-Novelle, wie W. H. Riehl und H. Hoffmannsie kultivieren, und ist doch wieder für diese Anlage zu schwer miternsten Herzensfragen belastet. Daß diesMeisterstück von einerBourgeois?" sich für eine Jdealistin hält, für diedie reinen Gefühle,die uoch kein rauher Hauch gestreift hat, doch unser Bestes sind undbleiben", und daß im entscheidenden Augenblick das goldene Visiersofort zurückklappt und das harte Gesicht der geldstolzen Kommerzien-rütin zeigt das ist witzig und vor allem, es ist wahr; aber die Über-deutlichkeit der Antithese verdirbt die Stimmung. Fontane fühlt dasselbst, er kommt ihr deshalb durch Liedverse zu Hilfe, die hier (wieinUnwiederbringlich") als diesmal freilich ironisch gemeintes Leit-motiv die Erzählung durchziehen; und doch verrät auch das Hilfs-mittel, wie die Symbole inLÄdultera", innere Unsicherheit. Siezeigt sich auch sonst. Frau Jenny Treibet ist, wie solche aus demEpigramm empfangenen Gestalten nur zu leicht, näher an dieKarikatur geraten, als Fontanes diskrete Kunst sonst erlaubt; undsie wie ihr Gatte mißbrauchen die Sprechkunst Fontanischer Figurenin langen Monologen, die technisch und psychologisch gleich bedenk-lich sind. Corinna, der Gegenpart der Frau Treibel, die ehrlicheRealistin (Jugend ist gut. Aber, Kommerzienrätin ist auch gnt undeigentlich noch besser"), verliert durch ein zu souveränes Ausstreuengroßer Sätze an dem Reiz, der ihr doch anhaften soll, und ist zuausschließlichkluges Mädchen" eine unerfreuliche Rolle. DieSätze selbst sind freilich wieder prachtvoll.Ja, das waren herrlicheWorte, von denen ich übrigens bis heute geglaubt hatte, daß siebei Trafalgar gesprochen seien. Aber warum nicht auch bei Abukir ?Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden."

Unwiederbringlich" (1891) hat nicht den Beifall gefunden,der ein Jahr daraufFrau Jenny Treibel " schier überreichlich zuteil ward, weil die Berliner sich über die Verspottung der Ham-bnrgerin und das übrige Deutschland sich über die Jronisierung der