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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Frau Jenny Treibe!".

Unwiderbringlich".

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Berliner freute. Auch mußte man sich an Fontanes hier einsetzendeneue Manier erst gewöhnen, die die Handlung ganz hinter der Zeich-nung breiter Zuftandsbilder zurücktreten ließ. Aber das Buch gehörtuicht bloß zu den bezeichnendsten, sondern auch zu den allerbestenWerken Fontanes , und nicht bloß, weil es an geistreichen Maximenin seiner eigensten Art am reichsten ist. An Sicherheit der Charakter-zeichnung, an Fülle origineller Gestalten, an schlicht und dochspauuend vortragender Fabulierkunst lassen wenige Romane sichdiesem vergleichen. Ein gutmütiger Landedelmann langweilt sichan der Seite seiner zu ernsten und frommen Frau und fällt in dieBande einer Kokette, der übrigens an Lebenswahrheit und Rund-heit der Zeichnung unter ihresgleichen nur Goethes Philine zurSeite zu lstellen ist. Nun aber besitzt er doch nicht zur Genügedie Kunst des Leichtnehmens"; und so geht seine Ehe unwieder-bringlich verloren, ohne daß ihm Liebesglück zum Ersatz erwüchse.Sehr fein ist (wie in GoethesWahlverwandtschaften") in dem Tonder Gespräche selbst der wechselnde Barometerstand von Liebeleiund Liebe angedeutet. Alle Nebenfiguren helfen durch ihre Redendie Stadien der Entwickelung vom leichten Gedankenspiel bis zumEhebruch und bis zur Vereinsamung fühlbar machen: der PastorSchleppcgrell mit seinen ungenierten Anekdoten (ein Pastor kannalles erzählen") so gut wie die gauz köstliche Frau Hansen mitihrer würdigen Tochter zwei Gestalten, die allein schon Fontaneden größten Humoristen beigesellen würden. Scheinbar wahllosschweift das Gespräch am Hof der alten dänischen Prinzessin überPolitik und Weltgeschichte, Seeschlachten und den Krieg vor Trojahin und her, und doch behält es immer seine festen Brennpunkte,wie in einer Gesellschaft, die ein starkes, nicht ausgesprochenes ge-meinsames Interesse beherrscht, die Gedanken immer wieder dahinzurückkehren, wie weit man auch auszubiegen sucht. Selten istFontane in den Anspielungen, die seine Personen wagen, kühnergewesen als hier; und doch wirkt das (wie inIrrungen Wirrungen ")absolut nicht frivol; es bringt nur ein realistisches Element mehrin die Atmosphäre.

Opfer5er Halbheit schildert auchEffi Briest " (1895), wiedereins der berühmtesten Werke Fontanes . Ein adeliger Beamter ver-liebt sich in einen hübschen Backfisch aus alter Adelsfamilie. DieEhe ist so wenigMesalliance" wie möglich; alles ist höchlich ein-verstanden. Dennoch zerbricht die Ehe. Effi hat lebhaftes Tcmpe-

Mcycr, Litteratur. 3V