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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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18401850.

rament; Jnnstetten ist nicht ganz Streber, aber doch sehr vonseiner Carriere erfüllt, nicht ganz Pedant, aber doch ziemlich starkErzieher", nicht ganz Formenmensch, aber doch stark davon ab-hängig. Die arme Effi hatte sich alles soschön und poetisch" vor-gestellt, aberdie Wirklichkeit ist anders". Alles ginge doch,wäre wenigstens volle Liebe da. Aber Effi, liebenswürdig, heiter,etwas spielerig, ist wahrer Liebe nur ihren Eltern gegenüber fähig;und er liebt sie zwar wahrhaft, aber doch nicht so, daß nicht allerleipädagogische und sonstige Berechnung ihre Beziehungen störenwürde. In Fontanes liebem alten Swinemünde ist sie gar zu ein-sam; sie fällt einem beliebigen Kavalier mit rotblondem Sappeur-bart zum Opfer. Aber sie fühlt sich kaum schuldig; im Grundehat sie nur Äugst vor der Entdeckung, und diese Angst wird,wie für ihr altes treues Mädchen Roswitha (die ausnahmsweisedurchaus nicht sehr gescheit ist) die Erinnerung an das Eisen, mitdem ihr Vater sie erschlagen wollte, zuletzt fast ein angenehmreizender Lebensinhalt. Ein Zufall, den Fontane gar zu souveränbehandelt, läßt nach Jahren ihren Gatten die Briefe des Liebhabersim Nähtisch entdecken. Und nuu geht es ihm wie Holt (inUnwieder-bringlich"). Wäre er eine Natur von leidenschaftlichem Ehrgefühl,oder von starker Kraft der Selbständigkeit, so fände er so oder soBefriedigung. Er ist es nicht. Er duelliert sich, nicht aus Rach-sucht, nicht einmal aus dem Gefühl der gekränkten Ehre, sondernaus Instinktivem Gehorsam gegen den Ehreneodex uud aus Angstvor der Zukunft, in der erbei jedem Znfallswörtchen schwitzen"könnte. Und so fchießt er den armen Crampas nieder, dem derDichter fo mild verzeiht wie einst der Adultera:Wenn ich ihnrichtig beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen dasLeben. Er nimmt alles mit und weiß doch, daß eS nicht vieldamit ist." Fast ist das Fontanes eigene Weltanschauung. Sozerstört Jnnstetten nutzlos, zwecklos sein Glück, Effis Leben, dieExistenz von Crampas' Familie. Und er ist doch wieder nicht großgenug, der schwer gestraften Gattin nach der Scheidung zu ver-zeihen; grausam und kalt erzieht er die Tochter zu völliger Ent-fremdung von der Mutter und doch wieder grausam nicht ausboshafter Berechnung, sondern aus pädagogischer Überlegung. Dasmeisterhast geschilderte Wiedersehen zwischen Mutter und Tochterbringt es an den Tag.So also sieht ein Wiedersehen aus!" ruftmit krampfhaftem Lachen die zum letztenmal enttäuschte Jdealistin.