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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Effi Brich". 467

Nun ist es ganz aus mit ihr. Die Eltern mögen der verlorenenTochter in gebeugtem Stolz noch einmal das Haus öffnen und ihreinen schwachen Abglanz der frohen Jugendtage gewähren ihrHerz ist gebrochen, und nichts bleibt ihr übrig, als noch mit jenerGröße und Herzensgüte, die des Dichters mildes Herz den Gefallenennie versagt, dem strengen Gatten seine Härte zu verzeihen. Aberauch er ist vernichtet: was liegt ihm jetzt noch an der Laufbahnohne die schöne Frau, die er doch liebte und auf die er stolz war;und das Gefühl nagt an ihm: ein paar Jahre mehr, und alleswäre anders gekommen. Denn er ist keine Natur mit innererNotwendigkeit.

Der Ehebruch aus Langeweile, das Duell wie oft habenfranzösische Romanschriftsteller das geschildert! und doch, wie neuund unverbraucht wirkt hier alles! Kein Geringerer als AlphonseDaudet hat (inUoss st ^iinetts") die Begegnungen des Vatersmit den Töchtern der geschiedenen Frau gemalt wie kalt undgemacht wirken sie neben Fontanes Meisterstück! Und diese Atmo-sphäre, die jede Person (wie das kränkliche Dienstmädchen der Pensiondie Luft der schlecht gelüsteten Zimmer) mit sich trägt: die der offiziellenNechtgläubigkeit in all ihren Abstufungen von Pastor NiemeyersMilde bis zn dem harten Zelotismus Sidoniens von Grasenabb!Und die köstliche Exposition mit dem auf der Schaukel einherfliegen-den Backfisch und seinen Gespielinnen! (Fontane liebt jetzt, wieKeller, die Zwillinge; auch inFrau Jenny Treibe!" kommen zweisolche Schwestern vor.) Und welche eigentümliche Lokalfarbe, etwaswie der Seegeruch unserer Nordküsten, liegt auf der verhängnis-vollen Schlittenfahrt durch den Seesand!

Die Poggenpuhls " (1896) sind mehr ein lockeres Gefügeanschaulicher Scenen aus dem Leben einer armen adeligen Osfiziers-familie als ein Roman, obwohl immerhin die beiden im Hintergrundwinkenden und immer näher rückendenMesalliancen" eine gewisseEinheit in den Stoff bringen. Aber wie köstlich sind diese Scenengemalt! Wie steht die ohne jede eigene Prätention in den Dienstder Charakterschilderung gestellte Wohnung mit all ihren großenund kleinen Requisiten greifbar vor uns! Wie sind wir mitten inne inall diesen kleinen Schicksalen, aus denen doch schließlich das ganze Lebenzusammengesetzt ist! Noch entschiedener ist imStechlin " (1398)der eigeutlicheRoman " nur die Rahmensabel, die prächtige Charakter-schilderungen und wundervolle Gesprächstücke zusammenhält. Der

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