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1840—1850,
alte Stechlin selbst, den man mit Recht seinem Dichter verglichenhat, in seiner Originalität, Güte und sicheren Beobachtung — diePrinzessin im Forsthause — die Domina und ihre Damen — eswar ein würdiger Abschied von einer glorreichen Laufbahn. Abergewisse Längen und Breiten zeigen doch die sinkende Kraft. Seineunvergleichliche Persönlichkeit und seine unerschöpfliche Menschen-kenntnis giebt auch dies Abschiedswerk noch; ein Kunstwerk ist esnicht mehr. Gesprächspicle fast in der Art des romantischen undjungdeutschen Gesprächromans, wenn auch mit ganz anderer Lebens-wahrheit, sprengen die Form. Wie Gottfried Keller bei einer fürsein Talent zu eng konzentrierenden Form, landete Fontane bei einerArt, die seiner Neigung zum Episodischen allzu viek Raum gab.Aber war es nicht wunderbar, daß das letzte Buch des Greisesgerade an diesem Kunstfehler leidet: an zu großem Reichtum?
Einzelne Skizzen und Genrebilder bringt noch die Sammlung„Von vor und nach der Reise" (1894); vor allem den uner-träglich gutmütigen „Onkel Dodo" wird niemand wieder vergessen.Gern knüpft Fontane anch hier allgemeinere Betrachtungen an undfeiert das „kleine Glück" — aber mit dem Zusatz, daß es „eigen-artig" sein müsse. Auch in seiner Lehre von Glück und Unglückverleugnet der Individualist sich nicht.
Auch die beiden Bände der Lebenserinnerungen („MeineKinderjahre" 1893, „Von Zwanzig bis Dreißig " 1898)zersallen mehr in Einzelbilder, als daß sie (wie etwa GoethesAutobiographie) die Kunstform des Romans anstrebten; zumal giltdas von dem zweiten Buch, während in dem ersten die Entwickelungdes Jünglings eine gewisse Einheit bildet. Aber welche Lebensfüllesteckt in diesen Erinnerungen! wie viel Menschen kennen wir dennüberhaupt so genau wie die, die uns Foutane vorführt? Dabeimacht er nie von der wohlfeilen Knnst Gebrauch, mit dem Rechtdes Lebenden die Toten zu mißhandeln; er behandelt sie eben alsMitlebende: viele mit Sympathie, einige mit Antipathie, niemandenmit eigentlicher Feindseligkeit. Er entschuldigt gern. Wenn er inder Schilderung des Gefechts bei Ütlingen (26« Juli 1866) eineglänzende Wasfenthat strategisch bedenklich findet, so setzt er hinzu:„Aber kriegerische Aktionen dürfen nicht lediglich von diesem Gesichts-punkt aus beurteilt werden. Es kann unter Umständen Pflicht sein,das Kühnere zu thun bloß deshalb, weil es das Kühnere ist. . . Wasfortlebt in der Geschichte, was fortwirkt in den Herzen und zu immer