Fontanes Genrebilder und Lebenserinnerungen.
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neuen Nuhmesthaten begeistert, das sind nicht die klugen Manöver,das sind die Thaten voll Mannesmut, Auge in Auge mit dem Feind.Und daß es so ist, das ist die Rechtfertigung und der Ruhmder Sechsuuddreißiger bei Ütlingen." Und diese seine prächtigePersönlichkeit ist es doch zuletzt, die uns in Fontanes Werkenerobert. Nicht die treue Nachzeichnung der Wirklichkeit, sondern derherzliche Anteil; nicht die objektive Wiedergabe, sondern die tapfereParteinahme; nicht der Gehalt an dauernder Weltweisheit, sonderndie individuelle Auffassung und Ausprägung — das macht dieseBücher uns so lieb, so unschätzbar. Immer ist er mit ganzer Seeledabei; immer ist er auf der richtigen Seite, lieber bei den „Tollen"als bei den „Schwachen", lieber bei den Sündern und Zöllnernals bei den Pharisäern. Denn er liebt den Menschen, den ganzenMenschen, nicht ein blasses Ideal; die Schwächen gehören dazu —er liebt sie mit. Und ebenso geht es uns mit ihm, dem Menschen,dem Küustler- er ist eine so prachtvolle Persönlichkeit, daß wirkeinen Fehler seiner Werke missen möchten.
Weder als Mensch noch als Künstler kann der Fünfte unterden „Politisch-Historischen" mit Fontane verglichen werden. Daßich Wilhelm Jordan (geb. 1819) nicht einen vollen Kranz desLobes bieten darf, schmerzt mich. Aber der Literarhistoriker hatohne Ansehn der Person zu richten und darf sich dem berühmtenVeteranen der deutschen Schriftsteller gegenüber nicht mit einem,.ckv vivis iiil r>i8i deus" von der Pflicht dispensieren, nach bestemWissen zu prüfen, was er für unsere litterarische Entwickelung be-deutet. Und wer wie wir in der Geschichte der Litteratur ein fort-dauerndes Bemühen sieht, die Welt für die Kunst zu erobern, derwird Jordan bei aller Vortresslichkeit seiner Programme keinen hohenPlatz anweisen können. In seiner Weltanschauung radikal, liberalals Politiker, scheinbar revolutionär in seinem Bemühen, die wissen-schaftliche Weltanschauung der Gegenwart zum Inhalt der Dichtungzu machen, ist Jordan dennoch als Künstler und Ästhetiker lediglichReaktionär.
Kaum ein Samenkorn hat er ausgestreut, das Frucht treibenkonnte, und unfruchtbar nnd einsam steht seine Dichtung in derEntwickelung unserer Poesie da, ein totes Denkmal, wie das ver-lassene Mausoleum Theoderichs des Großen in der italienischenLandschaft. Ein ernster, wenn anch nicht allzu origineller Denker,ein Virtuos der äußeren Form, ist er doch Epigone vom Scheitel