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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
504
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S04

1840-18S0.

den ewigen Glanz, der in den Augen der armen Nachwelt dieglänzenden Figuren der Vorzeit umkleidet. In eine Zeit, in derdie deutsche Ballade, von Nhlaud zu Schwab, von Schwab zuSimrock, von Simrock zu Martin Greif und Felix Dahn herab-sinkcnd, oft nur leere Bänkelsängerei geworden war, trug diesergroße Künstler wieder die Erkenntnis, daß die Ballade mehr seinmüsse, als eine versifieierte Anekdote, daß nur die Intensität desdichterischen Miterlcbens sie zum Kunstwerk forme. So ist er zumRegenerator der deutscheu Ballade geworden, neben Fontane , dersie an dem Quickborn der altenglischen Volksballade verjüngte. Wiedie Kuustepik ueben der Volksepik, stehen Beider Balladen nebenein-ander. Fontanes Lieder sind kräftiger, wirksamer; aber als Zeug-nisse einer merkwürdigen Individualität, wie sie dieser nur iu Prosavollsaftig abzulegen verstand, stehen die des Schweizers wohl höher.

Popnlär wird Conrad Ferdinand Meyer nie werden. Er warein eigenwilliger Aristokrat in der exklusiven Stoffwahl wie in derüberfeinen Formgebung.Brokat" nannte Gottfried Keller dieArbeiten seines Nebenbuhlers; aber im Brokatkleid kommt mannicht so weit im Land herum wie im grauen Jagdrock. Dem Dichterhat die Volkstümlichkeit, die so ganz ausblieb, schwerlich je ein Zielder Sehnsucht gebildet. Wie er, fast ohue es zu wissen, in dieLitteratur kam, so hat er weiter gedichtet aus der Notwendigkeit seinerNatur heraus. Sich selbst treu, hat er der Versuchung wider-standen, dem Geschmack der Zeit zu schmeicheln. Vieles wird vor-übergehen, was dieser Zeit gefüllt; die reine Kunst des vornehmenKünstlers wird bestehen wie die Kunstwerke Benvenuto Cellinis ,der ein leidenschaftlicher Lebensfreund und ein unermüdlicher Meisterder vollendenden Arbeit war, wie der Dichter desHeiligen " unddesLeidens eines Knaben".

Daß Meyer so spät auftrat, gereichte auch seinem Ruhm zumHeil. Nicht gleich zwar, aber rascher doch als viele Zeitgenossengelangte er zu würdiger Anerkennung. Jene Zeit, in die seinnatürliches Produktionsalter fiel, war ein gar zu schlechter Richter.Starke Talente überhörte man, mittelmäßige Kunst stand inhohem Ansehn. Lehrhafter Inhalt in künstlicher Form das warder philiströsen Kritik jener Tage, mehr noch dem Publikum dasIdeal. Wer ein Kunstwerk kaufte, wollte soliden Nutzen davonhaben.Das Nützlichkeitsprinzip", versicherte in jenen Jahren (1845)Tetmold in seinerAnleitung zur Kunstkennerschaft",herrscht,