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1850—1860,
sich treu zu bleiben. Als dann aber die Ketten sprangen und einunerhörter Sieg deutscher Thatkraft die Welt überraschte, da warRaabe fast so unzufrieden, wie französische Ideologen, Michelet,Renan, die es der Nation von Träumern übelnahmen, daß sie er-wacht war. Die nur allzu charakteristischen „Reisen Gutmanns"(1892) parodieren die verdienstvollen Bestrebungen des National-vereins fast ebenso, wie die „Gänse von Bützow" die französischeRevolution; „Der Dräumling" (1872) sucht die Schillerfeier von1859 als die eigentliche nationale Erhebung, Sedan nur als ihr Er-gebnis darzustellen. Als der rechte „Deutsche Adel" (1880) galtenRaabe immer nur die Idealisten, die in der Stille den deutschen Geistpflegten; der Oberlehrer, der auf 1870 stolz ist, spielt (in „Horacker "1876) neben dem Konrektor alten Schlags eine böse Rolle. Nirgendseine helle Freude an dem großen Abschluß jener tragikomischenBiographie des deutschen Volkes, die der Anfang des zweiten Buchesvon „Abu Telfan " in wahrhaft großartiger Lapidarschrift erzählt— es ist ja nur „Erdenstreit", es ist nur „laute Vergänglichkeit".Wir müssen hier wieder an Hamerling denken und seinen unerträg-lichen „Teut". Die Ideologie, das rechthaberische Verschließen gegendie Wirklichkeit, die Unfähigkeit, große Schicksale mit ganzem Herzenmitzuerleben — sie verleugnen sich bei keinem der beiden SchülerJean Pauls und E. Th. A. Hoffmanns. Wir bezweifeln nicht:auch die Meister selbst hätten sür Sedanfeier und Kaiserkrone keinvolles Herz gehabt; aber sie kamen aus antipolitischen Zeiten. Werheut lebt, für den wird die unbedingte Verherrlichung des stillenEinzelnen auf Kosten der freilich allemal lärmenden Gesamtheit, dasHohelied auf die unbedingte Entsagung, die Abkehr von dem Er-wachsen neuer Ideale zur schweren Sünde. Auch an Scheffel be-obachteten wir solche „Reichsverdrossenheit"; doch er wollte nieVolkserzieher sein. Raabe wollte es. Aber wir lernen an ihm,daß doch nur die Allergrößten ihrem Volk mehr zu lehren haben,als sie von ihm selbst zu lernen vermöchten.
Der große Erfolg von Raabes Erstling, der „Chronik derSperlingsgasse " (1857), hat sich bei keinem späteren Werkwiederholt. Viel bedeutender ist doch die Trilogie „Der Hunger-pastor" (1864) — „Abu Telfan " (1867) — „Der Schüdde-rump" (1870), die durch „Drei Federn" (1865, mit der GestaltPinnenianns) eingeleitet wird. Jene drei Romane schildern denKampf des Idealismus, des Hungers nach dem Höheren gegen das