Raabes Weltanschauung.
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andern Worten, das sich mit unverwischbaren Zügen dem Gemütund der Phantasie seines Volkes einprägte und von dem Namendes Dichters hinfort unzertrennlich wäre.
Aufs engste hängt mit dieser Lebensphilosophie Raabes Vater-landsliebe zusammen. Es ist nicht die unbedingte blinde Hingabeeines Kleist; es ist die stark moralistisch gefärbte Vorliebe, wie siegleichzeitig Lagarde vertritt. Was jene Edlen, Guten, Hingebendenunter den Menschen, das sind für Raabe die Deutschen unter denVölkern der Erde. Als die Stillen, als die Demütigen liebt er sie.Er liebt sie gerade so, wie Wolfgang Wenzels feurigerer Patriotis-mus sie um Gotteswillen nicht haben wollte. Und hier offenbarensich mir allzu deutlich die Schwächen dieser Anschauung.
Niemals hat Raabe einen Menschen gezeichnet, der gut und zu-gleich stärk auch im weltlichen Sinne wäre. Der Chevalier im„Schüdderump " ist fast der Typus seiner gnten Menschen: einwenig schwachsinnig sind sie alle, oder doch matt uud müde,wie die Herrin der Mühle in „Abu Telfan ". Wo die Schicksaleleichter sind, zeichnet er wohl thatkräftige heitere Figuren — be-zeichnender Weise sind es dann sast immer Frauen wie die Haus-herrinnen im „Schüdderump " nnd in „Gutmanns Reisen". Balltsich aber schweres Gewölk zusammen, schlägt plötzlich der Blitz ein —dann sind die Invaliden wehrlos auf ihr tapferes Herz angewiesen.Keine Faust erhebt sich mutig gegen all jene unwahrscheinlichenGlücksritter, den reich gewordenen Barbier (im „Schüddernmp"),den glücklichen General (iin „Wilden Mann"); man duldet undklagt.
So kommt es, was auch Raabes liebevollster Kritiker hervor-hebt, daß die Thatkraft des modernen Menschen bei ihm ganz ver-kümmert. Er hat keinen Sinn für neue Ideale; nur das Alte,die malerische Ruine, das verlassene Dorf sind für ihn poetisch.Hierin ist er, der Freidenker, mehr als der konservative Riehl einradikaler Reaktionär. Die modernen Triumphe der Technik ent-halten für ihn nichts Großes; sie sind ihm lediglich Siege desTeufels, der die Rosen bricht; die Eisenbahn oder die Fabrik be-trachtet er mit romantischer Ironie. Nnd nicht viel anders stellter sich zu dem Aufschwung des Reichs. Als alles darniederlag inDeutschland , da schloß er sich, wie Heine es von sich selbst sagt,als des deutschen Volkes guter Narr mit ihm ins Gefängnis ein,tröstete es, verwies es auf die unverlierbaren Güter, mahnte es,