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1880—1890,
Flanellanzug, einen Schlapphut auf dem länglich-eckigen Kopf mitdem stillvollen dunklen Bart, hastig durch die Orangen-Alleenstürzen. Es war Sudermann. Heyse wäre hier mit leise wiegendemSchritt gewaudelt; Hölderlin hätte sich in das Gras gelegt undstill um sich geschaut. Das ist der Unterschied dreier Zeitalter.Der moderne Realist hat so viel mit dem Einpacken aller Eindrückezu thun, daß er zu ihrem ruhigen Durchleben keine Zeit behält.Und Sudermann ist keine Natur von solcher Genialität, wie etwaFontane, daß er den Momenteindruck sosort verarbeiten könnte.Daher das Unausgegorene in seinen Werken; alle Suppen kommenzu heiß, alles Fleisch ungar, alle Kuchen mit Wasserstreifen aufden Tisch. Das liegt bei ihm nicht, wie Ähnliches bei anderendeutschen Autoren, an mangelndem Fleiß der Ausarbeitung, sondernan mangelnder Energie der inneren Vorbereitung. „Flackern" istnicht umsonst ein Lieblingswort Sudermanns: eine flackernde Hastjagt ihn sofort zu einem neuen Eindruck, einem neuen Effekt, eheder erste noch ausgereift ist.
Ich habe diesen Grundmangel eines Autors, den ich vielhöher stelle als die meisten Kritiker — wenn auch freilich langenicht so hoch, als die Masse des Publikums — vorweggenommen,weil er mir vor allem die ,nvte personelle" in SudermannsSchaffen zu bilden scheint. Hier liegt die Achillesferse seinerModernität. Die meisten Jungdeutschen leiden an der Unfähigkeitder Entwickelung: Bleibtreu oder Conrad sind noch heut die hoff-nungsvollen Wunderknaben, als die sie vor fast zwanzig Jahren zuerstin die Arena sprangen. Sudermann, in seinem Streben viel ernster,in seinem Lernen unendlich tapferer und ausdauernder als sie, istnicht an die kurze Kette eines stabilen Talents gebunden; aber jeneverhängnisvolle Unfähigkeit der vollen Entwickelung hat sich beiihm sozusagen auf die inneren Organe geschlagen. Der einzelneEindruck kommt nicht zu seinem vollen Recht; mindestens nicht derpsychologische: sinnlich wahrnehmbare Eindrücke faßt Sudermann,wie sein Landsmann Halbe, mit raschem, scharfem Jägerblick auf.Hier ist er daher von größter Anschaulichkeit. I. P. Jacobsenund Theodor Storm , die Meister der Stimmungsnovelle, habenwohl zuerst die „Hand-Psychologie" in die Erzählungskunst ein-geführt: die Beobachtung der kranken oder robusten, nervösenoder abgearbeiteten, eleganten oder ordinären Hand. Erst dermodernen Freude an der vielgestaltigen Realität blieb es vor-