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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Sudermann als Romcmdichter.

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behalten, in der Litteratur die individualisierende Zeichnung derHände nachzuahmen, die in der Malerei längst üblich war. Soweiß gerade Sudcrmann die Hand als charakteristische Probe desMenschen zu erfassen: man denke nur an die weichen, Weißen,wehenden Hände des Landrats imKatzensteg"; oder an wirksameKontraste wie diesen:Ulrichs schmale schlaffe Hand lag in Leosharten Pranken" (Es war"). Diesen Kunstgriff haben ihm dannJüngere abgelernt:Seine Hand lag rötlich schmal und mager inder fleischigen, sehr weißen Hand des Hauptpastors", heißt es etwain Leo HildecksFeuersäule". Aber bei Sudermann ist das nur einEinzelfall der raschen sicheren Beobachtung konkreter Dinge. Ulrichim Staubmautel istwie ein wandelndes Handtuch anzuschauen,dem man einen Kopf aufgesetzt hat". Ebenso rasch und bestimmtgiebt er individuelle Geräusche wieder: das Sofa kreischt bei jeg-licher Berührungwie eine hungrige Krähe". Oder er studiert(nach dem Muster der Franzosen , vor allem von Zola imVentreäs Paris" und von Huysmans in rsdoars") die Eigenart derGerüche, des milden Iris- und des scharfen Opoponax-Parfums.Dies sichere Wahrnehmen äußerer Erscheinungen macht ihn auch wie Jacobsen und wie Flaubert besonders fähig, den Um-schlag einer Stimmung, eines Gesichtsausdruckes zu beobachten.Aber die Hast hat zur Folge, daß er bei den äußeren Eindrücken,bei den Symptomen hängen bleibt. Über die erste Wirkung kommengeistige Eindrücke bei ihm selten hinaus.

In all dem liegt nun eigentlich, so modern es auch ist, einausgesprochen naives Element,- dieModerne" hat eben auch ihreNaivetäten, wie jede ausgesprochene Richtung. Und man darf esaussprechen, daß in Sudermann ein Erzühlertalent von großerUrsprünglichkeit und Frische blüht. In der Lebhaftigkeit des Mit-fühlens, in dem raschen Strom der Erfindung, in dem Erblickendes sinnlich Wahrnehmbaren sind seine Romane nnd Novellen(Frau Sorge" 1888: 1898 in 40. Auflage;Die Geschwister"1888,Der Katzensteg" 1889,Im Zwielicht" 1890,JolanthesHochzeit" 1893,Es war" 1894) der etwas mühsamen Detail-malerei seiner Mitbewerber wie Wolzogen entschieden überlegen:nur Ompteda hat etwas von dieser unschätzbaren Frische. Ge-radezu homerisch wirkt bei Sudermann, wie bei Jeremias Gotthelf ,die naive Frende am menschlichen Besitz, vor allem an deinursprünglichsten, dem landwirtschaftlichen: die Pflug- und Säe-

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