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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Sudermanns Entwickelung im N»mc>n,

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Zug, der sich zu symbolischer Bedeutung erhebt; oder iu demgrimmigen Humor des Arztes über Felicitas' Selbstmordversuch(Es war"), durch den (wie so oft bei Jacobsen, und den Skan-dinaviern überhaupt) die Tragik sichiu eine Farce auflöst".Während die halb überspannte, halb berechnende Johanna derWeltdame Predigt, beobachtet diese den vollen Busen der nonnen -haften Witwe und hält ihn bei sich für ausgestopft ein fastFlaubertscher Zug, in dem sich rasche realistische Beobachtnng undein bitterer, weltverachtender Humor zusammenfinden.

Sudermann war dazu berufen der Regenerator unseres Romanszu werden. Er wurde es so wenig, wie er der Reformator derdeutschen Schaubühne wurde. Er ward es nicht, obwohl es ihmnicht an ernster Arbeit, nicht an rühmlichem Ehrgeiz fehlt. WieLudwig Fulda versöhnt Hermann Sudermann durch die im bestenSinne idealistische Sehnsucht nach Höherem; an immer größerenAufgaben sucht er sich zu üben, statt bequem wie Hopfen bei dembewährten Erfolg stehen zu bleiben. Aber wenn Fulda an derSchwächlichkeit seiner Begabung scheiterte, so hinderte Sudermann eine gewisse Schwächlichkeit seines litterarischen Charakters. Großund stürmisch legt sich der Erzähler ein. Wie eine moderne Odysseefangen diese Romane an: ein starker und tapferer Held soll nachlanger Verbannung sein eigenes Heim wieder erobern. UngeschlachteRiesen, süßlachende Sirenen, Schiffbruch und bezaubernde Loto-phagen-Küsten stellen sich ihm in den Weg. Er aber kämpft sichdurch ja, eine Zeitlang. Dann aber kann der Autor den kleinenEffekten nicht widerstehen. Dann überdecken die abgebrauchten Roman-scenen die groß angelegte Grundzeichnung. Dann geht die homerischeLinie in dem naturalistischen Behagen au brutalen Scenen zuGrunde.

Ich glaube nicht, daß die Berechnung, die aus den Beifall desPublikums spekuliert, hierbei die ursprüngliche Fehlerquelle ist. DenUrsprung finde ich vielmehr wieder in Sudermanns Naivetät. WieHopfen hat er eine naturwüchsige Roheit, weil sie gefiel, zumKunstmittelveredelt". Zunächst kommt er ganz unbefangen zujenen typischen Ausbrüchen von brutaler Sinnlichkeit, Trunkenheit,faustschlagender Roheit. Sie wachsen aus seiner Technik und ausseiner subjektiven Teilnahme heraus. Sie passen daher (vor allemin seiuem künstlerisch einheitlichsten Werke,Frau Sorge") iu denälteren Büchern noch zum Stil des Ganzen. Später bilden sie