Wvlzogen. — Lmpteda.
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den Blicks und des individualisierenden Ausdrucks („ein ganz kleinesMädchen mit strohblonden wassergetränkten Zöpfen und fröhlichlaufendem Näschen"); die Toastrede des alten Gernopp ist in ihrergerührten Taktlosigkeit ein Meisterstück. Später näherte er sich,nach realistischer Schulung am Porträt („Unser Regiment" 1895),dem ernsten socialen Roman („Sylvester von Geyer" 1897). Einwarmer Hauch des Mitgefühls durchdringt diese Schilderung desarmen Armeeadels; aber sie ist nicht zu künstlerischer Reife ge-diehen. In der Form einer erfundenen Biographie — die kurz vor-her in England William Pater beliebt gemacht hatte — wird dasLeben eines sächsischen Offiziers von der Wiege bis zum Grabe er-zählt, nur allzu „sachlich". Wenn der Autor es nicht verschmäht, inder geschmacklosen Weise der Goncourts typographische Porträtsvon Schulanschlägen, Visitenkarten, Offizierslisten, Stadtplänen ein-zulegen, so werden wir durch diesen Mißbrauch des „Dokuments"nur um so mehr an Beckers „Charikles" und ähnliche Schulromaueerinnert, die eine Anzahl typischer Erlebnisse zur Veranschaulichungaltrömischen oder altgriechischen Lebens schematisch aneinanderreihen.Blaß bleiben die Figuren, ganz nur in einer Stellung gehalten.Stillos füllt in den nüchternen Erzählerton gelegentlich ein pathe-tischer Kapitelschluß: „Und es ward in ihm eine große, feierlicheStille"; die Schicksale aber wirken allzu sehr typisch, um über dieGleichmäßigkeit der Empfindung beim Leser fortzuhelfen. Doch dieseSchulung an der Romanform war dennoch dem Novellisten zu gutegekommen — nun gelang ihm „Der Ceremonienmeister" (1898),ein schönes Buch, in dem das letzte Aufflackern von Liebe undJugend in einen: alternden Lebenskünstler zart und ergreifend ge-schildert wird. Prächtige, wenn auch gelegentlich wieder mit zugleichmäßig wiederkehrenden Mitteln gezeichnete Figuren umgebendie beiden Hauptgestalten: den alten sächsischen Edelmann und dieschöne Amerikanerin — ein Liebespaar, das an Herman Grimms „Unüberwindliche Mächte" erinnert und bei ähnlicher Feinheit derZeichnung, bei gleich intensivem Interesse an Kunst und Litteraturund allem, was das Leben schmückt, in seiner ganzen Haltung dochnicht verkennen läßt, daß man inzwischen von Emerson und Goethezu Maeterlinck und Maupassant, von Rafael und Michelangelo znUhde und Liebermann gekommen ist. — Ein dritter adeliger Dichteraus dieser Schule, Wilhelm v. Polenz (geb. 1861 in Ober-Cunewalde in Sachsen), verbindet ebenfalls den Einfluß der fran-