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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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18801890.

zösischeu Novelle (Reinheit" 1896) mit dem des socialen Romans,doch ist er stärker als Ompteda von Zola abhängig und rückt schondadurch in die Nähe Kretzers. Seine ersten Romane (Der Pfarrervon Breitendvrf" 1893Der Büttnerbauer" 139S) litten noch anjener pedantischen Regelmäßigkeit der Anlage, die die Tendenzromanezu kennzeichnen pflegt. Wie inAus guter Familie" (ein grauenhaftunbrauchbarer, weil nicht zu citierender Titel; man citiere einmal:Ossip Schubin sagt inWarum geht dieser Mißklang durch dieWelt" . .!) oder imMeister Timpe" sinkt im ..Büttnerbauer" derHeld mit starrer Folgerichtigkeit von Stufe zu Stufe. Aber freilichiu der Charakterzeichuung ist Polenz schon hier den beiden andernAutoren überlegen, und vor allem bewährt er hier schon die Be-gabung, den eigentümlichen Duft, die individuelle Atmosphäre derBauernstube, der städtischen Handlung, des Hofes und der Meiereiwiederzugeben. Die Scene am Schluß, in der die verzweifelndeMutter mit dem Trunkenbold von Gatten um das letzte Eigentumder Kinder ringt, ist von einer Kraft und Größe, wie nur diegewaltigsten Ausbrüche der ,ksts tiums-ine" bei Zola; und hier ist sieam Ort, sie gehört zu dem energisch phrasenlosen Stil. ImGraben-häger" (1897) nähert sich Polenz dem experimenteilen Roman inSudermanns Art: wie ein junger tüchtiger Gutsbesitzer sein ver-wahrlostes Gut wieder in die Höhe bringen kann, das ist das praktischeProblem. Ohne Zweifel ist der Roman stark didaktisch, und besondersin den Reden des Pfarrers tritt Polenz' eigener, etwa alschristlich-social" zu bezeichnender Standpunkt zu absichtlich hervor; aber indiesem aufrichtigen Glauben an die Ideale des niedern Volkes, anseintiefes heißes Verlangen nach geistiger Unabhängigkeit, nachbesserem Erkennen und Verstehen, nach einer veredelten Lebens-führung", in diesem Vertrauen auf die Zukunft des Edelmanns,der wieder als erster in der Gemeinde durch Tüchtigkeit führendwerde, liegt auch Poesie. Diese Überzeugung, daß der Junkerauf sein angestammtes Gut gehöre, und diese realistische Schilde-rung von Not und Glanz des Landedelmanns sind aus einerWurzel entsprossen: wie bei Omptedas Verherrlichung des Armee-adels hat auch hier derselbe lautere und praktische Patriotismusdie einzelnen Dinge und die Gesamtlage nngeschant. Das giebtdiesen realistischen Romanen eine ganz eigene Bedeutung. Polenzhat einmal Heinrich v. Kleist (1891) zum Helden eines Dramasgemacht; anch in ihm lebt etwas von jenem patriotischen Realismus,