Wilhelm v, Pvlenz,
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der die Dinge nicht (wie es Wildenbruch thut) in idealistischer Um-nebelung sieht, sondern mit dem sehnsüchtigen Scharfblick liebenderUnzufriedenheit. — In Stoffwahl und Auffassung steht ihm Fedorv. Zobeltitz (geb. 1852: „Der gemordete Wald" 1896) nahe.
Johannes zur Megede (geb. 1864) teilt mit Ompteda einegroße Leichtigkeit in der Nachbildung des Jargons bestimmterKreise; nur an dem „Berlinsch" scheitert er, wie die meisten. Imübrigen haben seine Novellen („Kismet" 1897) und Romane(„Quitt" 1898, „Von zarter Hand" 1899) etwas Sudermannischesin der Energie ostpreußischer Charakterzeichnung, gehen aber in derRomanhaftigkeit lebenslanger Rachepläne und erbschleicherischerGiftmorde weit über das hinaus, was sich der neuere Romansonst gestattet. Auch stören die zur Zeit und Unzeit eingelegtenbreiten Betrachtungen über die Gegenwart und die Zukunft, dieGroßstadt, deu Adel mit ihrer pikanten Absichtlichkeit.
Ein vielversprechendes kräftiges Talent starb in Julius Petri (1868—1894) früh dahin. Mehr als sein Roman („?s,t,sr xsoeavi"1892) und seine Novellen („Rote Erde", herausgegeben von ErichSchmidt 1895) zeugt freilich sein Drama („Bauernblut", in derselbenSammluug) für die energische Kraft seines westfälischen Realismus.Die Reflexion ist in den Novellen noch zu stark, der Stil noch zugetragen; aber die Zeichnung des lokalen Hintergrundes und dieErfassung der so schwer zu ergreifenden Eigenart im Stammes-charakter gehen über die Kunst anderer so jugendlicher Autorenhinaus.
Eine besondere Gattung des realistischen Romans ward baldder „Berliner Roman". Männer der älteren Schule, wie PaulLindau („Der Zug nach dem Westen" 1886, „Arme Mädchen"1887, „Spitzen" 1888) und Fritz Mauthuer („Berlin^.", in dreiRomanen 1889—1890), rangen mit Jüngstdeutschen wie Bleibtreu,Holländer, Tovote um die Palme. Meist blieb doch der Realismusein rein stofflicher; nur bei Fontane ward eine neue Stufe derLebenswahrheit erreicht. Sudermann war schon über Kretzers Nennungder Straßen darin hinausgegangen, daß er einen Rock „bei Faßkesselund Müntmann, unter den Linden" gemacht sein ließ; dies un-schuldige (aus Paris importierte) Vergnügen der Nennung wirklicherFirmen grenzte schon ein bißchen an die Halbkunst des Panoramas,in der Wirklichkeit und Illusion grob aneinandergesetzt werden.Nun übertrieb man diese Manier, porträtierte mit ängstlicher Kunst