Die kurze Erzählung.
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weil das Publikum so viel von diesem Stoff nicht verträgt, wieaus rein ästhetischen. Wer ertrüge Goethes „Geschwister" alsfünfaktiges Drama? — Nun hatte die Tendenz auf Verkürzungsich längst geltend gemacht. Gutzkow rief dem Standbild derDioskuren in Weimar zu, ueunbändige Romane hätten sie dochnicht geschrieben; mit nicht minderem Stolz Pochten die „modernenDichtercharaktere" gerade darauf, daß sie keine dreibändigen Romaneschrieben wie Heyse. Ganz gewiß hatte an dem Einschrumpfen derRomane der intensivere Anteil, den die Verfasser nahmen und vomLeser voraussetzten, seinen Hauptanteil. Sie fühlten es, man könnenicht 1000 Seiten lang in der Anspannung bleiben, die sie ver-langten. Es war daher ganz begreiflich, daß der Wunsch nachKonzentration immer weiter ging. Immer intensiver sollte derStoff durchgearbeitet, immer intensiver deshalb auch die Wirkungsein. So kam man vom „Drama" zu den einzelnen „Scenen";so kam man zu der kondensierten Lyrik Stefan Georges und derkonzentrierten Halblyrik Peter Altenbergs ; so kam man in derEpik zu der „sllort, stor?".
Der unerreichte Meister dieser Gattung ist Guy de Mau-passant (1850—1893). Scharfe Beobachtungsgabe — auch er warleidenschaftlicher Jäger — unerschöpfliche Phantasie, eine großartigeMenschenverachtung, dazu eine aus seiner Individualität hervor-quellende eigenartige Auffassung von der Psychologie der Dingemachten ihn dazn fähig; Flanberts strenge Schule, unermüdlicherFleiß, und die Vorarbeit der französischen Tradition vollendetenihn. Seine Romane sind zum Teil wertvolle Zeitbilder — besonders„Lei ^mi", diese blutige Satire auf die allmächtige Presse Frank-reichs . Aber um Kunstwerke vom ersten Rang zu sein, sind sie zugedehnt, arbeiten sie zu stark mit konventionellen Mitteln. Aberseine sogenannten Novellen sind großenteils Meisterwerke vom erstenRang. Der kurze, schlagende Vortrag des altfranzösischen Schwanksund die feine lyrische Stimmung der modernen Novelle werden mitunerhörter Knnst in eins gebildet. Die Sprache folgt mit einergewissen Freudigkeit den leisesten Absichten des Autors. JederCharakter steht vor uns sofort klar und deutlich, und dennoch läßtdie Ironie der Schicksalsverkettungen uns mit jedem Dinge erleben,die ebenso überraschend wie unvermeidlich sind.
Mit diesen zu einer ganz neuen Kunstgattung heransgebildetenGeschichten hat der geuiale Lothringer aus der Normandie (wie