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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Otto Erich Hcirtlebeii als Erzähler.

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Gegensatz zu bringen sucht. Denn Hartleben ist der eifrigste Goethe-verehrer der jungen Schule, wenn er sich auch einen stark PersönlichenGoethe zurecht gemacht hat; seinGoethe-Brevier" (1894) ist trotzder überflüssig polternden Einleitung und dem unbegreiflich plötzlichenSchluß ein Zeugnis echter Vertrautheit mit dem Meister. Ingemütlich leise antastender Ironie Geschichten vorzutragen, diezwischen verhaltener Sentimentalität und offenem Cynismusschwanken, ist seine Specialität. So hat er ein kleines Studieu-köpfchen aus derVis äs Lollei»<z" meisterhaft skizziert (Die Ge-schichte vom abgerissenen Knopf" 1892); so eine ältere, schon vonWillibald Alexis inRuhe ist die erste Bürgerpflicht" benutzteAnekdote erneut, wie die mittelalterlicheil Schwankerzähler alteScherzerzühlungen aufzufrischen pflegten (Vom gastfreien Pastor"1895). Um die Virtuosität dieser in jeder Zeile kunstvoll berech-neten Erzählertechnik ganz auszukosten, erfand er sich noch dasKunstmittel, durch knappe Seitenüberschriften jedesmal das Ironischenoch ironisch zu glossieren:Mit mir ist Adolf böse",Sie heißtElfe",Wie meinen Sie das?" Leider wußte Hartleben sowenig wie die meisten Virtuosen Maß zu halten. Die SammlungDer römische Maler" (1893) wirkt wie eine schwache Nachahmungder beiden Musterschwänke; und daß er die Seitenüberschriften auchin seine Dramen übertrug, beweist, daß er, wie so viele Künstlerder äußeren Form, für die innere Form wenig Sinn hat. So hater auch in seiner Auswahl ausAngelus Silesius " (1896) dietiefsinnigen Zweizeiler des schlesischen Mystikers barbarisch in Vier-zeilige Strophen zerrissen. Aber daß er den Pantheisten liebt, istdoch wieder für den heimlichen Ernst des Humoristen bezeichnend.

Ein kleinerer Doppelgänger Hartlebens ist Otto Julius Bier-baum (geb. 1865 in Grünberg in Schlesien ). SeineStudenten-beichten" (1893) sind von HartlebensStudententagebuch" beeinflußt!sein humoristischer RomanDie Freiersfahrten und Freiersmei-nungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer" (1895)sucht die ironisierenden Seitenkrönungen Hartlebens durch ähnlicheKapitelüberschriften zu ersetzen, die freilich eine ältere Traditionhaben nnd kurz vorher (1890) auch in Hans HoffmannsEisernemRittmeister" angewandt waren. Doch ist Bierbaum im Grundeeine harmlosere Natur als Hartleben , bei dem doch nicht selten einStrudel an der Oberfläche eine verborgene Untiefe verrät. WährendHartleben zur Selbstironie neigt, ist der Schlesier von sich ganz