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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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1880-1890.

litterarische Moden totritt, hat er sich um die rasche Entwickelungder neueren Kunst unzweifelhaft verdient gemacht.

Wenn Virgil wirklich nur eine Schöpfung Homers ist",sagte Friedrich der Große ,so ist er gewiß Homers bestes Werk."Wir wenden diesen Ausspruch, den wir uns für Jlias und Aeneisnicht anzueignen vermögen, auf das Verhältnis Gerhart Haupt-manns zu Holz und Schlaf an. Die energische Konsequenz vonArno Holz, das lyrische Einfühlungsvermögen von Johannes Schlaf ,beider Hinweis auf fremde große Realisten das war die Saat,die in dem jungen Schlesier auf fruchtbarsten Boden fiel und Erntetrug hundertfach und tausendfach. Alles ward bei ihm vertieft,seelisch erneuert, in neue Bezüge gebracht; und so erhielte» wirwirklich ein neues nationales Drama in denWebern" und inHanneles Himmelfahrt".

Gerhart Hauptmann (geb. 15. November 1862 in Salz-brunn) ist durch Schlenthers liebevoll eingehende Biographie(1898) in seiner Entwickelung ausführlich geschildert worden. Esstellt sich dennoch vielleicht einiges anders dar, wenn wir ihn imZusammenhang der Gesamtentwickelung zn betrachten haben, alsbei einer Monographie, die freilich auf mancherlei Parallele Be-wegungen und äußere Einwirkungen zu achten nicht unterlassen hat.Die Grundzüge bleiben, manches schattiert sich aber anders. AlsSohn des strebsamen und für seine Verhältnisse ungewöhnlich ge-bildeten Gastwirts zur Krone in Salzbrunn hatte das Kind vonfrüh auf Gelegenheit, Personen in raschem Wechsel zu beobachten.Die Mutter, aus Herruhutischer Familie, brachte ihm jenes ver-tiefende, lyrische Element des Pietismus, ohne dessen Einwirkungsich nie eine wirkliche Erneuerung der deutschen Dichtung vollzogenhat, weder im Minnesang noch beim jungen Goethe. Der Wohl-stand der Familie sank, ohne eigentliche Schuld des tüchtigen undthätigen Vaters oder der liebevoll beweglichen Mutter, die sich auchimHerrendienst" der schlcsischen Grafen eine feinere Art ange-bildet hatte, durch ungünstige Umstände; der träumerische, in derSchule langsam lernende Sohn ward durch solche Erfahrungennachdrücklicher auf die Realität der Dinge hingewiesen. Voneigentlicher bedrückender Not blieb er doch befreit. Helfend standzwischen dem Träumer und der Welt sein älterer Bruder KarlHauptmann (geb. 1858), ein nachdenklicher Physiolog, Schülerdes Züricher Philosophen Avenariiis, der als psychologischer Realist