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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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18801890.

man sie mit dem Wesen des realistischen Dramas in Übereinstimmungzu bringen versucht. Die übertrieben genaue Beschreibung vonZimmer, Kleidung u. s. w. mag man für realistisch erklären, weilsie dem Zweck des Jndividualisierens dient; obwohl Angaben wiedie, daß Kahls Uhrkette Hirschzähne hat, über das vom Zuschauer-raum her Wahrnehmbare hinausgehen und daher in den Bereichrein epischer Mitteilungen fallen. Aber jene Stimmungen auf derBühne, die technisch absolut nicht mehr wiederzugeben sind, wirkengerade antirealistisch, und eben damit hat Berthold Litzmann , einVerehrer Wildenbruchs uud im ganzen trotz manchem warm aner-kennenden Wort für Hauptmann ein Gegner des Realismus, sie ver-teidigt.Dies Augenblicksbild", sagt er von dem Idyll am Tauben-schlag,ist keine programmmäßige Nummer in einem nach allenRegeln des Naturalismus peinlich gearbeiteten Drama, sonderngewissermaßen durch eine unwillkürliche Reflexbewegung einer in-stinktiv ihr Recht verlangenden Dichternatur ans Licht gebracht."Ich halte das für vollkommen zutreffend und ebenso die psychologischeDeutung, die Litzmann weiter giebt.Diese Stimmungen wachsenorganisch aus den einzelnen Gestalteu heraus. Dieser klare Morgen-duft, in dem das juuge Mädchen erscheint, ist etwas von ihr Un-zertrennliches. Sie steht inmitten dieses schwülen Dunstes dervertierten Gesellschaft da, wie ein Wesen aus einer andern Welt,das von einer reineren, lichteren Atmosphäre umgeben ist." Indiese Atmosphäre verseukt sich der Dichter und durch jene langenZwischenreden, durch dies rein zuständliche Intermezzo sucht er siezu verdeutlichen.

Man sollte deshalb auf die Strenge der Komposition nicht garso stolz sein. Richtig ist es, daß die Einheit des Ortes und derZeit streng gewahrt ist. Sittenberger hat vor einiger Zeit daraufaufmerksam gemacht, wie gerade der Realismus zu eiuer Neubelebungder drei Einheiten führte. Wollte man die Illusion eines wirk-lichen, kontinuierlich sich entwickelnden Vorgangs erwecken, so mußteman zuletzt dahin kommen; so ist auch Ibsen in immer größererStrenge zuletzt inJohn Gabriel Borkman " annähernd zu derEinheit des Orts, ganz zu der der Zeit gekommen. Wenn aberweiter gerühmt wird:ohne jede technische Zwangsmaßregel, ohneMonologe, Apartes, und ähnliche unrealistische Eselsbrücken derTheaterspielerei vollzieht sich die ganze Begebenheit", so erwidereich, daß eben diese verlängerten scenischen Bemerkungen nichts anderes