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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Vor Sonnenaufgang "

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idealisieren; die Technik war noch ganz altmodisch. Die Auffassung,das warme Mitleben, das den armen beschränkten Wärter und seinunglückliches Kind mit der Poesie menschlicher Sympathien um-kleidet, hat die Brücke von Byrons Pathos zu Zolas Naturalismusgeschlagen. Aber der Autor wagt doch noch nicht, den Ausbruchder Tobsucht bei Thiel selbst zu schildern; wir finden nur seineWirkungen vor und hören von der That.

Sein Jdealisinus schauderte noch zurück vor der Erfassungder Wirklichkeit, nach der sein Herz verlangte. Die konsequentenRealisten von Niederschönhausen führten ihn über die Brücke, dieer selbst gebaut, in das jenseitige Gebiet hinüber. So entstandVorSonnenaufgang " (1889).

Schlenther meint, indem Hauptmann zur dramatischen Formüberging, habe er nur die Konsequenzen aus den VoraussetzungendesPapa Hamlet" gezogen. In diesen herrscht ein episch-drama-tischer Mischstil: so oft wie irgend möglich geht die Erzählung indirekte Rede, in Dialog über. Das sei volkstümlich: der naiveRealismus des Volkes strebe zur dramatischen Verkörperung, undHauptmann habe dem nachgegeben. Mir scheint das nicht zuzu-treffen. Volkstümlich ist gerade jener Mischstil, der sich naiv desjedesmal bequemsten Mittels bedient: für Vorgänge der Erzählung,für Reden der direkten Wiedergabe. Es ist ein Atavismus, eiuRückfall in jene Urzeiten, da in derchorischen Poesie" der Natur-völker Lyrik, Epik und Drama noch ungetrennt bei einander lagen:in Totenklagen wechselt der lyrische Wehruf, der epische Bericht vonden Thaten des Helden, die mimische Wiedergabe etwa eines Kampfesmiteinander ab. Das Herausarbeiten eiuer einzelnen Dichtungs-gattung verdanken wir immer erst bewußter Kunst. Volkstümlichalso ist die Mischgattung mehr als das reine Drama. Und dann Hauptmann erreicht dies letztere noch gar nicht. Er bleibt selbstnoch im Mischstil befangen. Denn ein Übergriff des Epos indas Drama sind die höchst ausführlichen scenischen Bemerkungenbesonders im zweiten Akt.Als sie bemerkt, daß Loth vom Wirts-haus her ihr entgegenkommt, bemächtigt sich ihrer eine noch stärkereUnruhe." Eine einheitlich dramatische Behandlung müßte diese Be-merkungen entbehren, sie durch Handlung ersetzen können; der Textselbst müßte dem Schauspieler genügend Anweisung zum Spielbieten. Und auch die Lyrik bemächtigt sich in Ausdrücken wiediefeierliche Morgenstille" dieser Regie-Vorschriften. Vergebens hat