830
18L0—1890,
erinnert die Schilderung der Lokomotive — des riesigen Ungetümsmit den roten runden Glotzaugen — erinnert auch die Allegori-sierung der weiblichen Figur: „Ihre vollen, halbnackten Brüsteblähten sich vor Erregung und drohten das Mieder zu sprengen,und ihre aufgerafften Röcke ließen die breiten Hüften noch breitererscheinen. Eine Kraft schien von dem Weibe auszugehen, unbe-zwingbar, unentrinnbar, der Thiel sich nicht gewachsen fühlte." Dasist reinster Zola! Aber Zola steckt auch hinter der bequemen alt-modischen Art, wie der Autor seine Figuren erläutert: „Er, dermit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe ver-bunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in dieGewalt seiner zweiten Frau"; in der naiven Manier direkter Cha-rakteristik: „Drei Dinge hatte er mit seiner Frau in Kauf genommen:eine harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und alle brutaleLeidenschaftlichkeit". Längst hatten die nordischen Autoren gelernt,dies ungeschickte Vorzeichnen der Gefühle, die wir für ihre Per-sonen hegen sollen, durch indirekte Charakteristik nnd verstecktes Moti-vieren zu ersetzen; und in dieser realistischen Technik war „Bjarne P.Holmsen" unbedingt dem Verfasser von „Bahnwärter Thiel " über-legen. Auch die steife, noch ganz romanmäßige Sprache hattenHolz und Schlaf überwunden, als Hauptmann noch Wendungenwie „Und so geschah es" in den einfachen Bericht warf. Aberfreilich wären sie auch der prachtvollen Schilderung der Geräuschebeim Herannahen der Lokomotive, der prächtigen Analyse des Klangesin den vom Wind bewegten Telegraphendrähten nicht fähig geweseu.Realistisch ist auch dies nicht, weil der Stil dieser Gemälde — sieerinnern an Turners wundervolles Bild der heranschnaubendcnLokomotive in der Londoner Nationalgalerie — zu weit oberhalbdes Stoffkreises liegt; dem Bahnwärter würde es gewiß nicht be-kommen, daß der blutige Schein der roten Laternen „die Regen-tropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte" — wasauch an sich eine märchenhafte Übertreibung ist: Schneeflocken mögenwie ein Blutregen wirken, Regentropfen werden nie so stark gerötetwerden. Man merkt es überall, daß Hauptmann sich mit demWesen der „Proletarier" erst bekannt macht; wie Zola ist er nochein gebildeter Herr, der Naturalist sein will. Wie schlecht schimpftdie Bahnwärterfrau! jeder Straßenjunge kann es besser!
Hier also war der Idealist noch nicht in den Realismus ein-gedrungen. Das stoffliche Moment suchte er noch romantisch zu